Helfende Hände, die ihm von der Dienerschaft entgegengestreckt wurden, lehnte er mit heftigem Fuchteln und Winken ab. Er versuchte sogar für einen Moment den Blick des Oberdieners zu erwidern und dabei ähnlich durchdringend und grimmig zu starren. Victor fiel dabei aber auf, dass er nicht genau wusste, in welche der vielen Augen er denn nun schauen sollte, die im Gesicht des Mannes tanzten. So konnte ein Einschüchterung dieses hochnäsigen Rockverzierers nicht gelingen, stellte Victor schwankend fest, hickste und tappste dann von den Gästen der Abendgesellschaft unbeachtet aus dem Speisesaal.
Die zwischen Küche und Speisesaal Geschirr und Speisen hin und her tragenden Diener wichen Victor mit teils besorgten Blicken und weiteren Hilfsangeboten aus. Unterstützung wollte er nicht haben – so stolz war er, selbst wenn es eine Herausforderung für ihn war, Kopf, Rumpf und Gliedmaßen in Einklang zu bringen und halbwegs Kurs zu halten.
„Isch binsch Garten Luf’schnapp’n“, gab Victor von sich, in dem Versuch, sich und etwaigen Beobachtern oder Zuhörern zu beweisen, dass er noch Herr seiner Kraft und Sinne war.
Mit schleppenden Schritten hatte er es schließlich zur Gartentür geschafft. Er versuchte sich am Türgriff zu stabilisieren und ihn gleichzeitig zu betätigen, scheiterte aber an der Richtung, in die der Türflügel zu öffnen war.
Er unternahm einen weiteren Versuch, stützte sich dazu mit der freien Hand am zweiten Türflügel ab, stemmte die Beine in den Boden und befahl seinen Knien nicht mehr einzuknicken. Mit voller Konzentration und Kraft betätigte er den Türgriff, scheiterte aber erneut.
Für einen kurzen Moment ließ er alles los, schwankte einen Schritt nach hinten, betrachtete den Türrahmen und die Türflügel, als ob er sich versichern wollte, dass sie wirklich vor ihm waren und unternahm sodann einen dritten Versuch. Wieder ließ sich zwar der Türgriff drehen – mehr geschah aber nicht.
Victor, in einem Anfall plötzlicher Klarheit bekam die Idee, dass er gar nicht gegen die Tür drücken, sondern an ihr ziehen musste. Angespornt von der Erkenntnis, begann er mit Versuch Nummer vier.
Um Türgriff, Tür und dahinterliegenden Terrasse besser fokussieren zu können, schloss er ein Auge. Zumindest die Anzahl der Türgriffe reduzierte dies gewaltig. Zur Stabilisierung legte er nun eine Hand an die Wand – das erschien ihm stabiler als die aus Glas und Holz gefertigte Tür. Die andere Hand legte er erneut um den Türgriff, drückte diesen nach unten und zog.
Im nächsten Moment fand er sich auf dem Hosenboden sitzend auf dem glattpolierten Marmorbiden wieder. Das Übermaß an Kraft, die er angewandt hatte, um die Tür zu öffnen, hatte dazu geführt, dass sich Victor selbst nach hinten katapultierte. Sein Hintern schmerzte dank des Aufpralls zwar gewaltig, sorgte damit aber auch für einen kurzen Anflug geistiger Klarheit. Er war selbst einigermaßen davon überrascht, wie glücklich er war, dass ihn anscheinend niemand bei seinem Kampf mit der Tür und der harten Landung auf dem Boden beobachtet hatte. Und außerdem freute er sich darüber, dass nun die Tür geöffnet war, kalte Luft hineinströbte und sein Körper sich für einen kurzen Moment soweit koordinieren ließ, dass er sich aufraffen und ins Freie treten konnte.
Mit Zufriedenheit und Zuversicht trat Victor in die Nacht, tat einen kräftigen Atemzug und dachte daran, wie er nun den Abend erfolgreich zu Ende bringen wollte.
