Vic & Jerry – Kapitel 2 – Der Mantel

Am nächsten Morgen konnte Victor nicht im Bett bleiben Er war zu rastlos und aufgeregt. Es war die Vorfreude über die Ereignisse, die ihm und Jerry bevorstanden, die ihn aus dem Bett trieb.

Er hatte in der Nacht kaum geschlafen. Seine Fantasie und Vorstellungskraft hatten Überstunden eingelegt und ihn wach gehalten. Wieder und wieder war er in Gedanken den kommenden Tag durchgegangen, hatte sich Pläne und Ideen zurecht gelegt und hatte in jeder Facette das Unterfangen durchgespielt, das er im Begriff war, mit Jerry zu durchlaufen. Und trotz des wenigen Schlafs und der Vielzahl an fortwährend kreisenden Gedanken, fühlte sich Victor frisch und voller Energie.

Gleich am Morgen – es weder hell, noch hatte einer der Hähne in der Nachbarschaft den neuen Tag mit einem kräftigen oder krächzenden Kikeriki eingeläutet – war er aufgesprungen, als ob es schon fast Mittagszeit wäre und er Gefahr laufen würde eine der ihm wichtigsten Mahlzeiten des Tages zu verpassen. Im fahlen Schein seiner Lampe hatte er sich an seinen bescheidenen Schreibtisch gesetzt. Aller Platz den die Tischplatte bot, war übervölkert von Bergen an Papier und Büchern, die er mit dem Unterarm nur zur Seite fegte und sich daran machte, eine Antwort auf die Einladung zu verfassen.

Mehrfach hatte er den Entwurf der eigentlich einfachen Zusage zu dieser außergewöhnlichen Einladung verworfen. Unzufrieden mit der einen Formulierung, setzte er mit einer anderen erneut an, nur um dann wieder festzustellen, dass auch dieser Versuch nichts taugte.

Die Morgendämmerung hatte er genauso verpasst, wie auch das Krähen der Hähne zu dem er für gewöhnlich seine Bettstatt verließ, um an sein Tagwerk zu gehen. Und so war die Sonne schon ein Gutes Stück über den Horizont gestiegen, bis er endlich eine Version seiner Antwort verfasst hatte, mit der er zufrieden war. Sie war perfekt.

Sein nur wenige Worte umfassender Brief hatte nicht den verzweifelt wirkenden Unterton seiner ersten Versuche. Auch die zweideutigen Formulierungen, die eine amouröse Zuneigung zur einladenden Roswitha nahelegen konnten hatte er vermieden. Es war ihm in der finalen Fassung gelungen, nüchterne Verbindlichkeit mit ehrlicher Freude und Dankbarkeit über die ursprüngliche Einladung zu verbinden.

Da er in der Küche schon rege Bewegung und Geschäftigkeit wahrgenommen hatte, rannte er schließlich hin, um sich am frisch gebrühten Kaffee zu bedienen, nur um im nächsten Moment wieder zu seinem Arbeitsplatz zurückzukehren, die letzten Korrekturen vorzunehmen und den bescheidenen Brief in eine Reinschrift zu übernehmen. Als seine Arbeit beendet war, gönnte er sich einen Moment der Ruhe. Die kurze Pause gab ihm zugleich Genugtuung und Energie, um abermals zur Küche hin zu stürmen und Jerry und Frau Bolthe sein Werk zu präsentieren.

Beide lauschten. Die Bolthe aufmerksam und der Schützling mit fortdauernder Gleichgültigkeit, in der Victor glaubte einen Hauch der Vorfreude zuerkennen. Ja, er war sich sicher, dass wenn Jerry nur dazu in der Lage gewesen wäre, er ein übernatürliches Maß an Enthusiasmus gezeigt hätte.

„Na, was sagt ihr?“, fragte er nachdem er seinen Vortrag beendet hatte.

Die Witwe Bolthe, lehnte sich zurück und nahm die Hände von der Tasse, die ihre Finger gerade noch umfasst hatten. Über die Ränder ihrer kleinen Zwickerbrille sah sie Victor an und zog die Augenbrauen nach oben: „Es ist gut. Vielleicht sogar sehr gut. Wobei ich noch nicht verstanden habe, wie Sie für ein einfaches ‚Wir kommen gerne.‘ sich zwei Stunden vor Sonnenaufgang so ins Zeug legen.“

„Es waren drei Stunden“, erwiderte Victor und erinnerte sich daran, dass die Witwe besonders am Morgen an allem etwas auszusetzen hatte.

Hoffnungsvoll sah er zu Jerry, der aber nicht mehr als ein Schulterzucken als Antwort anzubieten hatte.

Von den Reaktionen wollte sich Victor nicht beeindrucken lassen. Das letzte Mal, als er sich solche Mühe mit der Ausformulierung solcher Zeiten gegeben hatte, war er ein junger Mann gewesen und wollte seiner angebeteten Elisabeth seine niemals endende Liebe gestehen. Der Brief war ähnlich schlicht und einfach gewesen, wie jener der seine Feder just verlassen hatte. Und so begnügte er sich mit der Erinnerung und Überzeugung, dass er damals Erfolg gehabt hatte: Seine Elisabeth hatte seine Briefe in langen und ausschweifenden Antworten erwidert.

Doch nun war keine Zeit, um endlos alten Erinnerungen nachzuhängen, fand er. Es war an der Zeit tätig zu werden. Noch immer im Nachtgewand, warf er sich einen langen Mantel über und trat in die Morgensonne.

Dunkle Wolken gaben dem Licht nur ein kleines Fenster, um zur Erde zu scheinen. Doch es genügte, um mit den Strahlen der Sonne Victors freudiges Gemüt zu erstärken. Frischen Schrittes ging er los, hatte bald einen Boten gefunden und fand sich ohne einen Fleck des Zweifels wieder in der Boltheschen Küche ein.

Das anschließende Frühstück ließ sich Victor schmecken. Es mochte zwar karg sein, doch Victor feierte damit seinen unmittelbar bevorstehenden Erfolg. Es würde vielleicht das letzte Mal sein, dass sie eine so spärliche Auswahl an Speisen im Hause hatten.

Er nutzte außerdem die Gelegenheit, Jerry daran zu erinnern und zu belehren, wie sich ein zivilisierter und gebildeter Mensch am Tisch benahm. Es schickte sich schließlich nicht, sich in den Stuhl zu hängen oder auf den Tisch zu lehnen und die Speisen, roh und grob, mit den Fingern in den Rachen zu schieben. Derlei Marotten hatte er Jerry schon längst ausgetrieben. Die fortschreitender Erziehung hatte einen Wandel in Jerry bewirkt, dennoch glich seine phlegmatische Unbeweglichkeit eher einem Firstbalken als einem zivilisierten Menschen.

Doch wer kann schon mit aller Sicherheit einem Unterschied feststellen, fragte sich Victor und ging zur nächsten Ermahnung über.

„Du musst das Messer so halten“, sagte er kauend und machte Jerry die korrekte Handhabung des Bestecks vor. Da sein Schützling aber Schwierigkeiten mit der Umsetzung des Gezeigten hatte, griff Victor über den Tisch und richtete die klobigen Finger seines Schützlings um das Metall.

„So“, sagte Victor und nickte zufrieden. Den Boltheschen Blick quittierte er mit einem Winken und fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, Jerry den vorgesetzten Brei mit Messer und Gabel essen zu lassen.

Victor wollte nicht warten. Die nächste Lektion stand an.

„Es werden bedeutende Personen der Stadt und des Umlands zugegen sein, Jerry“, begann Victor sein Referat. „Der Magistrat und seine Frau Roswitha sind unsere Gastgeber. Und wenn ich die gute Frau Magistrat richtig einschätze, wird sie dich als eine Art Ehrengast ansehen.“

Victor versuchte aus Jerrys Miene zu entschlüsseln, ob diese Information vielleicht schon eine Überraschung oder Zweifel in Jerry auslösen würden. Aber nein, der Blick des Schützlings war zwar interessiert auf Victor gerichtet, eine emotionale Reaktion konnte er aber nicht entdecken.

„Wenn ich mich richtig an den Magistrat erinnere,“ fuhr Victor fort, „dann wird er die Veranstaltung wohl eher über sich ergehen lassen, als sie selbst zu gestalten. Da ist er ein lupenreiner Bürokrat. Freundlich, direkt und auf das nötigste Maß an menschlicher Interaktion beschränkt und damit absolut langweilig. Anders als seine Frau wird er sich wohl nur wenig auf den bevor­stehenden Abend freuen.“

„Du scheinst unseren Herrn Magistrat aber schon ganz gut zu kennen.“, unterbrach ihn Witwe Bolthe.

Victor zuckte mit den Schultern.

„Nicht direkt, aber ich weiß halt, wie man an nötige Informationen kommt. Ich nenne es Forschung“, sagte er mit einer nach oben gezogenen Augenbraue.

Nun war es die Witwe, die ihre Schultern hob. Ihre Hände wirkten mit den gestreckten Fingern wie ein Schild.

„Und außerdem verfüge ich über eine sehr gute Menschenkenntnis und kann mir ein Bild von einem Menschen machen, selbst wenn ich ihn nicht gut kenne.“

Die Witwe wagte nicht noch etwas weiteres zu ergänzen und so fuhr Victor mit seinem Vortrag fort.

„Leider kenne ich die anderen Gäste nicht“, sagte Victor und kramte in der Tasche seines Magenmantels nach dem Brief, den Roswitha Knorrhahn ihm geschickt hatte. Er faltete ihn auf, überflog ihn kurz und schob ihn dann in die Tasche zurück.
„Da sie von einer kleinen Gesellschaft schreibt, denke ich, es werden wohl kaum mehr als zehn Personen sein, die am Abendessen teilnehmen werden. Auch wenn der Magistrat es könnte, er wird wohl kaum mehrere Fässer von Gandolfino nach Bamberg gebracht haben. Ein paar Flaschen wird seiner bekannten Bescheiden­heit wohl eher entsprechen.“

Victor sah in die kleine Runde die sie in der Küche bildeten als sei es ein Publikum von erheblicher Größe.

„Eine ähnliche Bescheidenheit werden wir wahrscheinlich nicht von allen Gästen erwarten können.“

„Wie meinst du das?“, warf die Witwe dazwischen.

Auch Jerry richtete einen fragenden Blick auf Victor. Der wiederum erfreut darüber war, dass ihm seine Zuhörer mit offensichtlichem Interesse folgten und er seine nahezu übermenschliche Brillanz zur Schau stellen könnte. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Aufmerksamkeit die ihm wohl auch von den Gästen entgegengebracht werden wird, über die er gerade sprach.

„Nun, ich denke es wird eine kleine Mischung unserer Gesellschaft, in der wir leben, vertreten sein: Politik, Klerus, Wissenschaft und Kultur.“

Die Witwe nickte und Victor verstand es als Zeichen fortzufahren.

„Wo der Magistrat ist, ist sein Sekretär in der Regel nicht weit. Windheim oder so heißt er. Aalglatt aber still.“ Victor musterte seine Zuhörer, ob sie ihm gedanklich noch folgen konnten.

„Nach außen ist er sehr zurückhaltend. Eine meiner Quellen sagt, dass der Magistrat eher mit ihm als seiner Roswitha verheiratet ist. Vielleicht ist auch noch ein anderer Beamter dabei. Das wäre es dann aber auch schon aus der Kategorie Politik. Vom Klerus ist der Domdechant Purlitzer mit Sicherheit dabei.“

„Der Pulitzer? Was will der denn da?“, platzte es aus der Witwe so laut heraus, dass Jerry sein Besteck in die Grütze fallen ließ – was Victor wiederum mit einem tadelnden Rauspern bedachte.

„Wo Essen und Wein kostenfrei zu haben sind, sind häufig auch einige Pfaffen zugegen“, sagte Victor als wäre es eine wesentliche Erkenntnis, die nur gebildeten Menschen klar sein kann. „Und außerdem ist der Mann ein gnadenloser Opportunist und nur an seinem eigenen Wohl interessiert“, fuhr er fort.

Die Witwe Bolthe zeigte sich darüber entrüstet: „Aber, er ist doch ein Mann der Kirche…“

„Und das macht ihn noch lange nicht zu einem Heiligen“, sagte Victor in einem unbeabsichtigt schufen Ton.
Für einen kurzen Moment kehrte Stille in der Bolth‘schen Küche ein.

Einige Straßen weiter schlug eine Glocke die Zeit und markierte damit das vorläufige Ende der Lektionen. Während Jerry und die Witwe die Reste des Frühstücks verräumten und die Küche in Ordnung brachten, entzog sich Victor der häuslichen Arbeit mit der Entschuldigung er habe noch an einigen Korrespondenzen zu arbeiten.

Er zog sich an seinen Schreibtisch zurück, war aber nur schwerlich in der Lage, sich zu konzentrieren, geschweige denn gehaltvolle Werte zu Papier zu bringen. Wirklich viele, dringende oder wichtige Briefe warteten ohnehin nicht auf seine Antwort oder Bearbeitung. Es waren vor allem seine eigenen Bitt- und Bettelschreiben, die sich auf seinem Schreibtisch türmten und warteten, in alle Himmelsrichtungen ausgesandt zu werden.

Einen Brief nach dem anderen nahm sich Victor vor. Er las sie sorgfältig und jedes Mal, wenn er einen von ihnen gelesen hatte, fragte er sich, ob er sie überhaupt noch nötig hatte zu versenden. Der Abend mit dem Magistrat, seiner Gattin und ihren Gästen sollte schließlich eine Wende für Victors Glücklosigkeit darstellen. Er würde, so war seine sich in Überzeugung kehrende Hoffnung, wohl nie wieder um Geld oder gar Anerkennung betteln müssen, wenn nur der Abend im Hause des Magistrats zu einem Erfolg werden würde. Und ja, Victor wiederholte sein Mantra wieder und wieder: Der Abend würde für ihn und Jerry in jedem Fall ein Erfolg werden.

Es war schon nach Mittag, als das Klingeln Hausglocke Victor aus den Gedanken zog. Er lauschte den Geräuschen und Stimmen, die sich durch den Flur bis zu seinem Arbeitszimmer drangen und tat dann so, als sei er sehr mit der Arbeit beschäftigt. Und dann, als hätte er es vorausgesehen, steckte nur wenige Sekunden später die Witwe ihre neugierige Nase zur Zimmertür hinein.

„Sind sie sehr beschäftigt?“, fragte sie. „Darf ich Sie kurz stören?“

„Haben Sie das nicht schon längst getan?“, fragte Victor und spielte den irritierten Wissenschaftler, der nichts mehr verabscheute, als aus der Konzentration gerissen zu werden. Dabei freute er sich doch umso mehr über die Ablenkung und nicht mehr über diesen unseligen Briefen grübeln zu müssen.

„Der Herr Schneider ist gekommen“, sagte die Witwe in vorsichtigem Flüsterton.

„Ist es schon so weit?“, rief Victor freudig aus. „Nur herein, herein, herein mit dem Heckmeck.“

Damit das Bild des beschäftigten Gelehrten auch recht eindrücklich auf den Schneider wirken konnte, rückte Victor noch rasch einige Bücher und Briefe zurecht, ehe der Schneider mit einem Berg an Stoff in den Armen über die Türschwelle in das Arbeitszimmer schritt.

In der Mitte des Raumes stehend sah sich der Schneider nach einer Gelegenheit um, wo er seinen Stoffberg und die mitgebrachten Utensilien abladen konnte. Victor, der nicht viel davon hielt, regelmäßig für Ordnung zu sorgen, gab sich sofort daran, einen der Stühle von Büchern und Papieren zu befreien, damit das Schneiderlein den unförmig wirkenden Stoffballen irgendwo platzieren oder ablegen konnte.

„Hier hin, hier hin“, dirigierte er den Schneider, der mit einem Seufzer der Erleichterung sehe Last ablegte.

„Und? Wie ist es geworden?“, wollte Victor sofort wissen. Der Schneider aber bedachte ihn nur mich skeptischen Blick und einem weiten Seufzen.

„Ich habe für die feinsten Häuser schon geschneidert. Fürsten und Grafen. Sogar einen italienischen Baron durfte ich schon einkleiden. Ganze Opern habe ich ausgestattet mit Brokat und Seide, mit Samt und Silber und Gold. Bestickt und verziert, damit es glänzt und glitzert. Kein Aufwand zu hoch, kein Stoff zu teuer, keine Grenzen der Kunst oder der Fantasie. Was sie mit aber abverlangt haben, mein lieber Herr Doktor Frankenstein, ist ungeheuerlich. So etwas habe ich in meinen Jahrzehnten des Schneiderberufs noch nicht erlebt.

Victor strahlte über das ganze Gesuicht und freute sich. Ganz gespannt war er auf das Ergebnis.

„Es ist bestimmt ganz meisterlich. Und wie Ihr sagt: Nur Ihr mit Eurer grenzenlosen Erfahrung konntet ein so meisterliches Werk vollbringen“

„Meisterlich? Wohl kaum“, schnaubte der Schneider Heckmeck.

Vielleicht ein meisterlicher Kartoffelsack. Mehr ist es aber wahrlich nicht. So unförmig, krumm und schief, wie es alles ist. Und dann noch mit solchen Zeitdruck und so einem groben und einfachen Zwirn.“

Mit den Händen in die Hüfte gestemmt sah der Meister Heckmeck zwischen Stoffberg und Victor hin und her.

„Ich bedauere schon jetzt den armen Menschen, der diesen Sack tragen und sich damit in der Öffentlichkeit zeigen muss. Und wo wir dabei sind: Wo ist er überhaupt? Der arme, riesenförmige Wicht. Dieses bedauernswerte Ungetüm. Dieses Monstrum!“
Weiter ließ Victor den Schneider nicht tradieren.

„Sie meinen meinen Schützling, Jerry. Ich werde ihn rufen“, sagte Victor – auch damit sich der Schneider Heckmeck nicht noch weiter in Rage redete und am Ende vielleicht sogar noch einen Aufpreis für seine Mühen und Strapazen verlangte.

Peinliches Schweigen stellte sich ein, während sie auf Jerry warteten.

Der Schneider machte sich daran, den mitgebrachten Stoffberg zu entfalten und auseinander zu legen. Victor hingegen knetete in nervöser Erwartung seine Hände.

Wie er sich beim Warten den großen Fetzen Stoff besah, der vor ihm ausgebreitet wurde, musste er eingestehen, dass er auf dem Boden liegend noch keine bedeutende Ähnlichkeit zu der Jacke hatte, die er erst gestern beim Schneider in Auftrag gegeben hatte. Für einen Moment spürte er dem Schwert des Zweifels. Einen Stich, direkt unterhalb des Herzens, der ihm deutlich machte, dass dieses wunder­bare Unterfangen des Abendessens in feiner Gesellschaft schon daran zu scheitern drohte, Jerry in eine angemessene Robe zu kleiden.

Nein, sagte er sich stumm. Er hatte zugesagt und es würde auf keinen Fall ein Zurück geben, entschied er. Es konnte und durfte nicht schief gehen.

Noch bevor sich Mieter in weitere Zweifel und Versagensängste steigern konnte, war Jerry schließlich erschienen.
Mürrisch, aber geduldig, ließ sich der Schützling in die für ihn geschneiderte Jacke helfen. Etwas unbeholfen und sichtbar skeptisch ob der neuen Kleidung stand Jerry vor dem Schneider, der, seinerseits grummelnd, hier und da am Stoff zog und Falten richtete.

Mit jeder Sekunde die verstrich, in der Victor seinen in den neuen Stoff gekleideten Schützling betrachten konnte, stieg seine Begeisterung.

„Es sitzt. Es passt“, jubilierte er, als schließlich auch der Schneider einen Schritt nach hinten trat, um sein Werk nochmals skeptisch zu betrachten.

„Sieht schon fast aus wie eine Jacke“, sagte Meister Heckmeck.

Wenn er sich nun auch noch bewegen kann, ohne dass direkt eine Naht reißt, dann kann man es fast schon so lassen“, entschied der Meister Heckmeck und zupfte mit spitzen Fingern einen Faden von Jerrys Schulter.

„Na, na, na. ‚Fast so lassen.‘“, tadelte Victor, der sich und Jerry schon wieder auf der Straße des unweigerlichen Triumphs wähnte. „Ich finde, sie haben sich selbst übertroffen. Gewiss keine leichte Aufgabe, aber vorzüglich gelöst.“

Der Schneider grummelte und schien Victors Lob damit zu akzeptieren, machte aber nochmals eine Runde mit skeptischen Blick an Jerry herum.

Blieb dann aber soch irgendwann stehen, zupfte nochmals an den Ärmeln und seufzte: „Ja. Mit ein paar kleinen Änderungen könnte man fast schon sagen, es sähe nach einer Jacke aus.“

Victor half dem Schneider dabei Jerry aus dem Stoff zu befreien und diesen dann zu einem Ball zu raffen.

„Die Änderungen werde ich sofort vornehmen, sodass Sie für den Abend gerichtet sind“, sagte der Schneider beim Hinausgehen. „Ich lass Ihnen einen Boten kommen.“

Victor bedankte sich überschwänglich und begleitete den Schneider bis zur Haustür.

„Denken Sie daran, ich erwarte von Ihnen eine pünktliche Bezahlung“, sagte der Schneider, als er über die Schwelle ins Freie trat. Sein Blick sprach Bände und Viktor erinnerte sich daran, warum der Schneider nicht mehr die großen Opern und edlen Häuser bediente, wie er es einst getan hatte.

Gerüchten zufolge hatte der Schneider einem säumigen Kunden gedroht mit seiner großen Stoffschere die Finger abzuschneiden. Einige Tage später war der Kunde tot aus der Regnitz geborgen worden. Seine Kleider waren zerfetzt und die Finger abgeschnitten. Dem Schneider Heckmeck konnte aber kein Verbrechen nachgewiesen werden. Er war zum Zeitraum in der die Tat stattgefunden haben musste gar nicht in der Stadt gewesen.
Mit trockener Kehle winkte er dem Schneider hinterher, wie er das Bolth‘sche Anwesen verließ.