Vic & Jerry – Kapitel 3 – Auf dem Weg in die Stadt

Mit leeren Gedanken folgte Victors Blick den an ihm vorbeiziehenden Häusern und Menschen, der Stadt. Es ging nur langsam voran. Nein. Jerry war es. Jerry ging nur langsam voran. Es war viel Verkehr auf den Straßen und es schien als wären es noch mehr Menschen in den engen Gassen, die wie Bäche zum großen Fluss hinströmten. Die Bewegung, die Strömung in eine gemeinsame Hauptrichtung, wurde dabei immer langsamer und behäbiger. So langsam und behäbig, wie sich auch Jerry bewegte und damit Victor zwang seinen sonst so zügigen Schritt erheblich zu drosseln.

Hinter ihnen hatte sich schon eine Menschentraube versammelt. Es wurde getuschelt, geschubst und gedrängelt. Immer wieder versuchten sich Bürger durch die sich langsam fortbewegende Ansammlung nach vorne zu kämpfen, nur um dann hinter Jerry die Geschwindigkeit herauszunehmen und in einen ähnlichen zähen Trott zu verfallen. Niemand traute sich, an Victor und Jerry vorbeizugehen.

Victor dachte daran, dass er einen Wagen hatte mieten wollen. Doch einen solchen Luxus konnte er sich absolut nicht leisten. Und außerdem wären sie auf den verstopften Straßen auch nicht schneller vorangekommen. In einem Wagen hätten sie mit Sicherheit weniger Aufmerksakeit auf sich gelenkt, dachte Victor und korrigierte sich sofort selbst, schließlich sollte Jerry ja gesehen werden. Es gehörte alles dazu – dachte Victor. Und dennoch wünschte er sich gerade nichts sehnlicher, als irgendwohin zu verschwinden. Dann könnten die Menschen ihres Weges gehen und würden nicht Jerry hinterhertrotten – und auch er, Victor, würde sich dann nicht in Grübeleien über den nahenden Abend versteigen.

Victor ging noch ein paar Schritte. Dann schüttelte er sich kurz und begann sich selbst Mut zuzuresen. Alle Welt sollte gerne von seinem wissenschaftlichen Wunder erfahren, das so traut und trottelig in einem Brokartmantel durch die Stadt spazieren ging. Warum sollte es nur den hohen und feinen Herren vorbehalten sein, Jerrys Bekanntschaft zu machen. In nur wenigen Stunden würden er, Dr. Victor Frankenstein und sein Schützling Jerry quasi zur Stadt gehören. Vollwertige Bürger und ein Teil der Gesellschaft, die diese Stadt ausmachten. Daran sollten sie sich ruhig schon Mal gewöhnen. Sie würden lernen, mit Jerry umzugehen und ihn zu umgehen, wenn es nötig war. Und irgendwann würden sie ihn so einfach und achtlos überholen, wie sie es sonst auch mit jedem taten, der nicht schnell genug zu Fuß war.

Victors Schritt wurde beschwingter und seine Laune besserte sich. Es waren die Sonnenstrahlen des Spätnachmittags, die ein Lächeln auf Victors Gesicht zauberten.

„Stell dir vor, Jerry“, sagte er und das Gemurmel und der Menschen hinter ihnen verstummte. „Bald ist es so weit und du wirst in die feine Gesellschaft aufgenommen.“

Jerry brummte nur zur Antwort.

„Sie schmeißen ein Fest. Zu deinen Ehren!“

„Ein Fest für so ein Monstrum?“, rief ein grobschlägtiger Mann. „Hat es was gewonnen?“

„Einen Hässlichkeitswettbewerb vielleicht?“, rief eine Frau, die ein Bündel Stroh auf ihrem Buckel trug, auf dem oben eine kleine Katze thronte.

„Den hat meine Oma auch einmal gewonnen“, kommentierte ein Mann mit Hut und Pfeife, der von der Menschentraube belustigt in einem Hauseingang stand. „Sie haben sie aber trotzdem verbrannt?“

„War sie eine Hexe?“, krakeelte eine andere Frau, um die herum eine Horde Kinder trobte.

„Nein,“ antwortete der Mann mit Hut kurz. „Sie hat mit dem Teufel im Bunde gestanden und Menschen verflucht, bis sie sterben.“

„Soll ein einträgliches Geschäft sein“, sagte jemand.

„Ja, aber sie sagte, dass sie am schwarzen Tod nicht Schuld ist. Verbrannt wurde sie trotzdem.“

Ein kurzes Raunen ging durch die Menge. In der folgenden Stille sahen sie sich alle um. Sie hatten nicht mitbekommen, dass Victor und Jerry schon weitergegangen waren. Und da der Weg nun frei war, liefen sie in die verschiedensten Richtungen auseinander, als wäre nichts gewesen.

„Ich gehöre hier nicht hin.“, sagte Jerry, als sie den Markt erreicht hatten.

Der Platz war, wie auch die Straßen, überfüllt von Menschen, wobei diesmal noch eine unzählbare Menge an Marktständen hinzukam. Kleine und große Wagen schoben sich durch die Menge, laute Rufe bellten durch die Luft, priesen Waren an oder verfluchten alles und jeden.

„Doch. Doch,“ sagte Victor. „Die Gesellschaft erwartet dich und es wird Zeit, dass wir den nächsten Schritt gehen.“

„Nein, das meine ich in nicht“, sagte Jerry, der wie ein überforderter Esel vor einer Pfütze stand und sich nicht bewegte. „Hier sind zu viele Menschen. Ich errege zu viel Aufsehen. Die Leute gucken schon und haben Angst, dass ich Ihnen etwas tue.“

„Papperlapapp,“ sagte Victor und drängte Jerry weiterzugehen. Er entschied sich die eingeschüchterten Blicke der Menschen genauso zu ignorieren, wie ihre Griffe nach Hacken, Spaten, Stöcken und fauligem Gemüse.

Da kam aber schon eine besonders große und reife Tomate geflogen, verfehlte Jerrys Ohrläppchen nur knapp und klatschte hinter ihm auf den Boden.

„Nein, Jerry. Wir müssen da durch – im übertragenen, wie auch im eigentlichen Sinne.“

Er drängte weiter, doch ein paar Männer stellten sich ihnen in den Weg.

„Ihr kommt hier nicht durch. Nicht mit diesem Monstrum“, sagte einer von Ihnen.

Victor tat, als hätte er nicht verstanden, was der Mann meinte und drehte sich mit gespielter Schreckhaftigkeit um.

„Ein Monstrum?“, rief er. „Wo denn?“

Er schauspielerte noch ein wenig seine Überraschung, wandte sich dann aber wieder den Herren zu.

„Na da habt ihr mir aber einen netten kleinen Schrecken eingejagt“, sagte er mit einem kleinen Lachen, das bei seinem Gegenüber aber nur sehr wenig positiven Anklang fand.

„Da ist ja gar kein Monstrum“, entschied er und machte sich daran weiterzugehen. „Wenn Sie jetzt bitte den Weg frei machen würden? Wir müssen da durch.“

„Vic“, raunte Jerry.

„Auf keinen Fall“, sagte besonders finster dreinblickender Geselle.

„Schauen Sie mal, guter Mann“, sagte Victor. „Wir haben einen wichtigen Termin heute Abend und müssen hier durch. Es führt kein Weg dran vorbei. Wir müssen über den Marktplatz. Es ist der direkte und kürzeste Weg.“

„Geht außenrum!“, befahl ein anderer.

„Vic“, raunte Jerry.

„Nein – wir gehen direkt über den Markt“, sagte Victor. Dann hielt er aber kurz inne, dachte über seinen Geistesblitz kurz nach und fuhr dann mit ungetrübt freundlichem Ton fort: „Es sei denn, Sie bezahlen uns einen Wagen, der uns direkt zum Magistrat bringt.“

„Vic“, raunte Jerry. Diesmal mit etwas Nachdruck.

„Das könnt ihr haben“, sagte eine andere Stimme. Sie strahlte Autortität aus und sorgte dafür, dass die Knüppel und Schaufeln, die die Männer vor Victor in der Hand gehalten hatten auf sehr wundersame Weise hinter den Rücken verschwanden.

Victor drehte sich zu der Stimme um. Er musste um Jerry massigen in Brokat gekleideten Körper herumsehen, da aber dann, direkt neben seinem Schützling, einen Mann, der den Saum von Jerrys Mantel festhielt.

„Sie sind doch Dr. Frankenstein, oder nicht?“, fragte die grimmige Stimme, die zu dem Mann gehörte, der den Mut gehabt hatte Jerry festzuhalten. Wahrscheinlich war es der beachtliche Schnauzbart, die dem Mann seinen Mut verlieh. Vielleicht war es aber auch die Uniform eines Stadtwachenoffiziers.

Victor nickte.

„Dann muss ich Sie informieren, dass eine Anzeige gegen Sie vorliegt.“

„Eine Anzeige?“, fragte Victor. „Warum? Von wem?“

„Vom Schneider Heckmeck“, sagte der Stadtwächter. „Er sagt, sie hätten den Mantel nicht bezahlt, den er für sie angefertigt hat.“

„Er meint den Sack?“, fragte Victor, der mit ausgestrecktem Finger auf den Brokat zeigte, der Jerry umhüllte. „Ich habe da mit dem Schneider eine Abmachung. Und ich werde meine Schuld begleichen. Gleich morgen, wie versprochen.“

„Das können Sie alles dem Magistrat erzählen.“

„Oh ja, das werde ich. Wenn sie uns nun gehen lassen wollen?“

Eine Antwort gab der Offizier nicht. Er schnippte nur mit dem Finger und schon kamen, wie aus dem Nichts, fünf weitere Stadtwächter herbei gesprungen und stellten sich um Victor und Jerry herum. Da sie nur kleinere Schnurrbärte hatten, waren schienen sie allesamt froh, in der Überzahl zu sein.

„Jerry“, raunte Victor.

„Vic“, raunte Jerry. Nun griffen weitere Stadtwächter in den Stoff seiner Jacke.

„Jerry“, raunte Victor und zog die Augenbrauen hoch.

„Vic“, raunte Jerry. Seine Stimme grummelte wie ein herannahendes Gewitter.

„Jerry“, raunte Victor und zischte durch die Zähne: „Du wirst tun, was ich dir sage.“

„Nein“, sagte Jerry, der ebenfalls die Zähne aufeinander gesetzt ließ.
„Junior“, sagte Victor mit väterlichem Ernst.

„Na gut“, sagte Jerry.

„Danke“, konnte Victor gerade noch hauchen, bevor Jerry mit einem ohrenbetäubenden Schrei die Arme hob. Zwei der Stadtwachen – sie hatten kaum mehr als einen zarten Flaum auf der Oberlippe – hatten schnell genug losgelassen. Die anderen baumelten für einen kurzen Moment in der Luft und hatte sodann Probleme wieder auf die Füße zu kommen, da Jerry einen beherzten Schritt nach vorne trat.

Ein weiteres Brüllen ließ einige weniger gut beschnurrbartete Menschen aus dem Weg des Kolosses weichen, der sich gerade in Bewegung setzte.

Victor beobachtete, wie sich sein Schützling sich verwandelte. Vom langsam trottenden Koloss in eine wütenden Felsen, der ins Rollen geraten war und nun immer mehr Geschwindigkeit aufnahm. Sie haben es nicht anders gewollt, dachte Victor, während er das sich ausbreitende Chaos weiter beobachtete. Er wollte ihn auskosten, diesen Moment. Er wollte seine urgewaltige Schönheit einsaugen und für sich verwahren. Er war zuversichtlich, dass Jerry sich rechtzeitig wieder einkriegen und auf dem Markt kein absolutes Schlachtfeld hinterlassen würde.

Als Jerry schon fast bei der Mitte des Marktes angekommen war, bewegte sich auch Victor. Er ließ sich dabei aber trotzdem Zeit und schlenderte gemütlich hinterher. Er musste ja nur der Schneise folgen, dachte er sich.

Als er es aber selbst bis zur Mitte geschafft hatte, war der Tumult schon wieder vorüber und den Strömen der Schaulustigen gewichen, die über allerlei zerbrochene Knüppel und verbogene Spaten steigen mussten. Von Jerry fehlte aber jede Spur.

„Mist“, fluchte Victor leise, während er sich durch die Menge schob. „Jetzt muss ich ihn auch noch suchen.“

Nachdem Victor sich auf die andere Seite der Menge gekämpft hatte, wusste er nicht, welchen Weg er einschlagen sollte. Er überlegte kurz, wie sich die Suche nach seinem Schützling angehen und zu einem möglichst baldigen Erfolg bringen konnte.
Sein erster Gedanke war, auf eine große Kiste zu steigen und über die Köpfe hinweg nach Jerry zu rufen. Da das aber auch die Aufmerksamkeit der Marktbesucher und vor allem auch der Stadtwache auf ihn richten würde, befand er dass es keine so gute Idee war.

Er entschied sich für seine zweite Option und begann die Leute zu befragen.

Auf die Frage „Haben Sie Jerry gesehen?“ erntete er zunächst nur unverständliche Blicke und Kopfschütteln.

Er ergänzte: „Haben Sie das Monster gesehen? Dieses unwirkliche und fantastische Ungetüm, das hier durchgestürmt ist?“

„Ach, Sie meinen dieses Biest, das hier durchgestürmt ist?“

„Ja, genau das.“

„Nein, das habe ich nicht gesehen. Aber gehen Sie mal darüber zu den anderen Verrückten. Sie sind nicht der einzige der es sucht und auf Rache sinnt. Wäre ich sicher, dass es dieses Monster wirklich gibt, würde ich auch auf Rache sinnen. Aber ich war gerade auf dem Abort, als hier mein Stand zusammen gekracht ist. Ich kann also auch nicht sagen, ob es nicht vielleicht diese komischen Rüpel da drüben waren, die jetzt einfach alles auf dieses sagenumwogene Monster schieben. Ist nicht so einfach, wissen Sie? Man weiß ja nie, was man den Leuten heutzutage überhaupt noch glauben kann.“

Victor nickte und fragte sich, ob es unhöflich wäre, wenn er sich ohne einen Kommentar des Abschieds aus dem Gespräch entfernte. Er entschied sich dazu, dass es nicht unhöflich war, ließ die Person weiter plappern und machte sich sodann allein auf die Suche nach seinem Schützling.

Er kannte Jerry besser als jeder andere Mensch auf der Welt und wahrscheinlich kannte er ihn sogar besser als Jerry sich selbst kannte, dachte sich Victor, während er links und rechts guckend über den Markt ging und überlegte, wie sein Schützling denn nun am einfachsten zu finden sei. Außerdem war er ein fähiger Wissenschaftler, der in der anstrengenden Unternehmung begriffen war, zu einem angesehenen und geachteten Genie aufzusteigen. Da sollte es ihm doch eigentlich leicht fallen, dieses lebendig gewordene Kunstwerk des menschlichen Fortschritts zu finden. Zumal – sollte er es nicht finden und zu der Weinprobe bringen können – der Titel des angesehenen und geachteten Genies um ihn einen Bogen machen würde. Jerry stellte schließlich den atmenden und atmenden Beweis für Victors Genialität dar. Und dass sich dieser Beweis auch noch fähig zeigte, ein Versteck aufzusuchen und dort vor einem wütenden Mob geschützt zu sein, war umso mehr ein Beweis dafür welche bahnbrechende Errungenschaft aus Victors Gedanken und wissenschaftlicher Tatkraft entstanden war.

Victor versuchte sich nochmals zu vergewissern, dass Jerry wirklich nicht mehr auf dem Marktplatz war. Es gab keinen offensichtlichen Tumult mehr und nur einige Gruppen von Menschen, die sich zusammenrotteten. Sie trugen Fackeln und das alles, was man als Waffe einsetzen könnte oder auf sonstige Weise zur Gefahr beitrug, dass die ganze Stadt in einer Feuersbrunst versinken könnte.
Als Victor aus dem Augenwinkel die Männer der Stadtwache entdeckte, erinnerte er sich daran, dass Jerry nicht nur seine reputative sondern auch seine finanzielle Zukunft darstellte. Wenn er ihn nicht rechtzeitig fand, vor den Bauern und der Stadtwache, dann würde er weder Schneider noch Bolthe bezahlen können und säße im bildlichen wie eigentlichen Sinne nackt auf der Straße. Ein Umstand den er mit absoluter Entschlossenheit zu verhindern gedachte.

Das Schlagen der Turmglocke erinnerte Victor schließlich daran, dass es auch noch eine zeitliche Komponente gab. Der Beginn der abendlichen Weinprobe war nunmehr Minuten entfernt und bis zum Haus des Magistrats war es noch eine beachtliche Strecke – weit, aber machbar. Er musste nur endlich Jerry finden. Der Rest wäre ein Kinderspiel, denn ein Hindernis von der Größe und Ausmaß des Marktplatz, war auf dem Weg nicht mehr zu erwarten.
Wie durch einen Zufall fand Victor Jerry schließlich einer dunklen Ecke der noch dunkler wirkenden Gassen, die vom Markt fort und kreisförmig um ihn herum führten.

Jerry saß inmitten einer Gruppe Kinder, vertieft ins Spiel mit Murmeln. Victor erschrak bei dem Anblick und sorgte sich instinktiv um die Gesundheit der Kindern. Er hatte Jerry in seinen Wutanfällen schon sehr schlimme Dinge anstellen sehen und es hatte ihn viel Zeit und Überredungskünste gebraucht, dem Schützling beizubringen, andere Wege zu nutzen und seine Wut anders zu behandeln und zu verarbeiten, als es an anderen Menschen auszulassen. „Das schickt sich einfach nicht“, hatte Victor ihm eingebläut und sich dabei angehört wie seine eigene Mutter, wenn sie versucht hatte auch ihm gute Manieren beizubringen.

Victor eilte zu der Gruppe in der Furcht, Jerrys emotionaler Vulkan könnte ein weiteres Mal an diesem Tag ausbrechen – dann wären die Kinder mit Sicherheit verloren. Und das würde eine Schuld auf Victor laden, die er um jeden Preis verhindern wollte.

Je näher Victor kam, desto besser konnte er erkennen, dass den Kindern gar keine Gefahr drohte. Er hatte Jerry noch nie so sanft und zutraulich gesehen. „Zugegeben“, dachte Victor. Er hatte Jerry auch noch nie mit Kindern gesehen. Um seinen Schützling, vor allem aber zum Schutz der Kinder hatte er es vorgezogen, sie so weit voneinander fern zu halten, wie es nur irgendwie möglich war.
Doch nun war alles anders. Sie brauchten gar keinen Schutz.

Zumindest die Kinder nicht. Eher Jerry, denn die Horde kleiner Menschen lachten, johlte und jauzte und sprang glucksend auf und um den Koloss in ihrer Mitte herum.

Victor war überrascht, als er erkannte, dass das Funkeln in Jerrys Augen auch gar keine Wut war – sondern reine Freude und Erlösung. Damit hatte er wahrlich nicht gerechnet und alle Sorge um das Wohlergehen der Kinder schien wie verflogen. Trotzdem formte ein Resthauch der Zweifel einen Knoten in Victors Kehle.

Gerne hätte Victor der Idylle und Jerrys Freude noch etwas Zeit und Raum zu geben. Auch wenn es gerade nicht mehr darum ging, vor einem wütenden Mob zu fliehen, mussten sie die Gasse aber doch verlassen – ein Zuspätkommen war an diesem Abend ausgeschlossen und musste mit aller zur Verfügung stehenden Kraft verhindert werden. Victor fühlte, wie ihm die Sekunden und Minuten bis zum Beginn des Abendessens sandgleich durch die Finger rannen.

Victor räusperte sich – was wie ein Sprengsatz auf die vergnügte Truppe wirkte. Die Kinder und Jerry verharrten für eine knappe Sekunde in ihrer Position und rutschten dann in schweigender Stille von einander herunter und auseinander. Victor konnte nicht anders als zu bemerken, wie Jerrys freudige Energie der altbekannten Zurückhaltung und Lethargie wich. Victor schämte und ärgerte sich und war trotzdem voll der Neugier. Als Wissenschaftler, Ziehvater und Freund hatte er bisher am meisten Zeit mit Jerry verbracht – und daher war er sicher, dass niemanden gab, der Jerry besser kannte. Und so war Victor auch davon ausgegangen, dass Jerrys urgewaltige Wut die einzige Emotion war, die er in der Lage war, nach außen darzustellen. Insbesondere, das sie eigentlich immer einer vulkanartigen Eruption nahekam. Nun hatte Victor aber erkannt, wie falsch seine Schlussfolgerungen und Beobachtungen gewesen waren und wie viel mehr es noch an Jerry zu erforschen gab. Victors wissenschaftlicher Drang zur weiteren Forschung war geweckt und doch musste er sich ermahnen, die Zeit zu achten und die Situation aufzulösen.

Mit leeren Augen, in denen Victor glaubte wahre Trauer zu erkennen, entfernte sich Jerry von den Kindern und begann in schlurfendem Schritt neben Victor herzugehen.

„Ich hatte dir doch gesagt, dass du dich von Kindern fern halten sollst“, sagte Victor, obwohl es ihm widerstrebte Jerry eine Schelte zu erteilen. Er hatte so friedlich gewirkt, da wäre es vielleicht besser, väterlicher Gnade walten zu lassen. Aber Victor musste Jerrys unkontrollierte Wutausbrüche im Zaum halten. Als einziges Mittel hatte dort bisher nur Strenge gewirkt. Und so hätte er gerne ausprobiert, wie es wäre wenn er Jerry gewähren ließe – aber, es war keine Zeit und das enttäuschte Victor ungeheuerlich. Nun war aber anderes wichiger: Ein besseres Leben für sie beide stand auf dem Spiel und diese Chance sollten sie sich besser nicht entgehen lassen.

„Komm jetzt, Jerry“, herrschte Victor ihn an, als Jerry seinem strammen Schritt nicht folgen wollte. „Es steht echt was auf dem Spiel heute. Eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen kann.“

Jerry blieb stehen. Sie waren nur ein paar Meter weit gekommen, hatten die Gasse und den Markt hinter sich gelassen und befanden sich nun am Rande einer Straße, die zwar mit vielen Wagen befahren war, aber längst nicht mehr so chaotisch war wie in der Innenstadt rund um den Markt.

„Eine Chance, die du dir nicht entgehen lassen kannst?“, fragte Jerry.

„Ja“, bestätigte Victor und war davon genervt, wieder stehen bleiben zu müssen.

„Eine Chance für dich“, sagte Jerry und Victor verstand die Frage, die sein Schützling versuchte zu stellen.

„Und natürlich für dich, Jerry. Wenn du nicht wärst, so würde dieser ganze Abend heute keinen Sinn ergeben und gar nicht so möglich sein.“

Victor beobachtete den in Brokat gekleideten Körper, der wie ein Mensch aussah, von dem aber Victor genau wusste, an welchen Stellen er Gliedmaßen, Organe oder Haut diesem Kunstwerk zusammengefügt hatte.

„Ich weiß, dass es anstrengend ist und du keine Lust dazu hast. Aber…“, Victor wusste nicht, wie er weitermachen sollte. „Ich verstehe, wenn du Angst hast. Die habe ich auch.“

Er trat einen Schritt auf seinen Schützling zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Ich habe große Angst. Aber noch größer ist meine Sorge. Meine Sorge um dich – und dass es dir gut geht. Und um Frau Bolthe. Ihr soll es auch gut gehen. Wenn wir das heute Abend gemeinsam gut machen, dann wird es dir besser gehen. Vertraue mir.“

„Und es geht auch um dich. Es soll dir auch gut gehen.“

„Ja“, bestätigte Victor. Er spürte, wie sich in Jerry etwas bewegte und sich sein Körper ein wenig anders hielt, nun da er dem Brokatberg mit den hängenden Schultern etwas Mut zugesprochen hatte.

„Es soll uns allen gut gehen. Und das wird es auch. Es wird einfacher werden. Du wirst dich daran gewöhnen und mehr Menschen kennenlernen.“

Die Zweifel schienen sich hinter Jerrys Augen festzukrallen.
„Es wird sich alles ändern. Und ich glaube auch, dass du glücklich werden kannst“, sagte Victor und meinte es so ehrlich, wie er nur konnte.

Es reichte aber noch nicht.

„Vertrau‘ mir“, sagte Victor.

Jerry seufzte.

Victor seufzte.

Dann gingen sie weiter.