Vor dem Servieren des nächsten Ganges wurden neue Gläser und neuer Wein präsentiert. Während die anderen Gäste artig darauf warteten, bis alle bedient und der Magistrat seine kleine Rede zu dem Wein erzählt hatte, war Jerry schon dazu übergegangen, große Schlücke aus dem Glas zu trinken.
Bei einigen der Gäste schien Jerrys Verhalten Stirnrunzeln zu verursachen. Victor fürchtete, ein Donnerwetter würde in den nächsten Momenten über ihn und seinen Schützling hereinbrechen, doch die Schelte blieb aus. In der Tat schien vor allem Roswitha von dem Verhalten belustigt und, als wolle sie ihren skeptisch dreinblickenden Mann necken, nahm ebenfalls ihr Glas zum Mund, um einen großen Schluck zu trinken.
Die fragenden und skeptischen Blicke, die auch ihr zu Teil wurden, beantwortete Roswitha wieder nur mit einem liebenswürdigen Schulterzucken. Wer konnte der Gastgeberin schon böse sein, wenn sie Durst hatte und einen Schluck Wein trinken wollte, dachte Jerry. Dennoch hielt er sich an die vorherrschenden Gepflogenheiten und wartete bis der Magistrat seinen Trinkspruch zu Ende geleiert hatte. Erst dann trank Victor, zusammen mit den anderen Gästen, in dem Versuch Jerry auf diese gesellschaftliche Konvention hinzuweisen.
er bekam aber wiederum kaum etwas davon mit, da er sich zum Essen umschaute, das gerade auf dampfenden Tellern zur Tür hereingetragen wurde.
Alles schien so perfekt orchestriert und auf einander abgestimmt. Eine Choreographie, ein Tanz, vorgetragen von hochnäsigen Fräcken mit weißen Handschuhen. Es war alles nur eine Vorstellung, eine Zurschaustellung von Macht und Würde, schoss es Victor durch den Kopf und wieder fragte er sich, ob Jerry überhaupt in der Lage war, diese Darbietung angemessen zu würdigen.
Während die Gäste das ankommende Essen mit „Oh“ und „Ah“ bestaunten und in leisen Kommentaren priesen, beschränkte sich Victor darauf, Jerry weiter zu beobachten. In Jerrys Augen, die ihm vor nur wenigen Momenten noch einen Schrecken und Angst eingejagt hatten, funkelte zwar immer noch der teuflische Witz, es war aber nicht mehr ganz so deutlich und zeigte nun eher die Freude über die aufgetischte Speise.
Victor schaffte es noch rechtzeitig einzuschreiten, als er in Jerrys Blick und Bewegung feststellte, dass er kurz davor war sich auf die Speise zu stürzen. Es genügte auch nur ein knappes Räuspern und ein, zwei kleine Gesten mit den Fingern, die Jerry dazu brachten darauf zu warten, bis alle Gäste bedient waren und gemeinsam begannen zu essen. Jerry fügte sich, wenngleich er einen scharfen Blick und ein Grummeln in Victors Richtung schickte – wohl eher aus Enttäuschung darüber noch warten zu müssen, als aus echter Boshaftigkeit oder Unlust sich den gesellschaftlichen Konventionen, die sie ja extra für diesen Anlass trainiert hatten, zu fügen.
„Filet de Sole à la Normande“, kündigte der Oberkellner an.
Seezunge, pochiert in Weißwein, mit Buttersauce, Garnelen und Pilzen.“
„Und passend dazu einen Chablis“, ergänzte der Magistrat und hob ein Glas als Zeichen, dass nun gegessen und getrunken werden sollte.
Victor freute sich darüber, dass es nach der Suppe nun etwas eher handfestes gab. Die Suppe war hevorragend gewesen, ohne Frage – aber leider war sie auch nur das gewesen: ein hervorragender Einstieg in ein exzellentes Menü.
Er ließ sich den Fisch auf der Zunge zergehen, genoss die süße und salzige Melange aus Fisch und Buttersauße und ließ Jerry nicht aus den Augen.
Auch der schien von dem Essen sehr angetan zu sein und schob sich eine vollbeladene Gabel mit Fisch und Garnelen in den Mund und schien alles andere um sich herum auszublenden. Überhaupt, fand Victor, machte Jerry eine ganz gute Figur. Trotz der kleinen Auffälligkeiten fügte sich sein Schützling immer besser in die Gesellschaft ein – das große Donnerwetter, der Skandal, die befürchtete Eskalation war ausgeblieben. Und selbst die kleinen Spitzen, das Funkeln in den Augen und der geäußerte Missmut – das alles war auf einer Ebene geschehen, die wahrscheinlich nur Victor so richtig bewusst war, da er Jerry so gut kannte. Denn, nach außen hin, stelle Victor abermals fest, gab Jerry das Bild eines ruhigen und etwas ungehobelten Riesen ab, der sich hauptsächlich mit einer zurückhaltenden Lethargie präsentierte, die manche der Gäste vielleicht auch als Unterwürfigkeit interpretieren mochten.
Das Gespräch am Tisch hatte sich nun auch anderen Themen zugewandt, wodurch Jerry und Victor nicht mehr so sehr unter Beobachtung standen. Der Magistrat erzählte über seine Reisen, ergänzt von kleinen Kommentaren und Anekdoten, die der Miederwarenfabrikant einstreute und damit den Anschein erweckte, als wäre er es gewesen, der diese Erlebnisse gehabt hätte. Die anderen Gäste goutierten den Fischgang und die Erzählungen mit redlichem Schmunzeln.
Es war ein schon fast idyllisches Bild, das sich um den Tisch herum ergab. Bis plötzlich ein lautes Rülpsen die Anwesenden auf ihren Stühlen erzittern ließ.
Ohne hinzusehen wusste Victor von wem das geräuschvolle Aufstoßen gekommen war und auch, dass ein weiteres Mal alle im Raum befindlichen Augenpaare, sogar die der Dienerschaft auf Jerry gerichtet waren. Dabei hatte sich der Abend doch schon so vielversprechend entwickelt, dachte er. Im selben Augenblick erinnerte es sich aber auch daran, welch ein Wagnis es gewesen war, mit Jerry einer solchen gesellschaftlichen Einladung zu folgen. Denn, trotz aller Übungen und Trainings ruhte in Victors Schützling etwas animalisches. Und vielleicht würde es auch nie gelingen den Rest dieser zweifelhaften Qualität aus Jerry herauszutreiben.
Einige der Gäste echauffierten sich sichtlich, ja sogar hörbar begannen sei beim Gastgeber Protest einzulegen. Nun konnte es nur noch Sekunden dauern, bis er und Jerry vor die Tür gesetzt würden. Naja, dachte Victor, wenigstens eine warme Suppe hatte er zu essen bekommen. So weit kam es aber gar nicht, denn die Proteste und Einwände der Gäste wurden jäh durch ein weiteres, diesmal aber wesentlich längeres und geräuschvolleres Aufstoßen unterbrochen.
„Was?“, fragte die Dame des Hauses, Roswitha Knorrhahn höchstselbst in die Runde der fragenden Blicke. Sie war es gewesen, die sich zu der Lautäußerung hatte hinreinreißen lassen. „Sagte nicht schon Luther: ‚Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?‘“
„Luther, pah“, grummelte der Domdechant.
„Also, ich finde das außerordentlich erfrischend“, frohlockte Roswitha in die Richtung ihres immernoch empört dreinblickenden Mannes. „Wir sind doch alle nur Menschen oder etwa nicht? Wenn sich dort im Körper etwas aufstaut, das raus muss – gibt es denn nichts natürlicheres? Was meinen Sie dazu, Herr Dr. Waismann? „
Der angesprochene Mann, ein Arztkollege, stellte Victor fest – Kollegen erkannten sich untereinander. Das war so bei Ärzten – räusperte sich.
„Nun ja, es sind zumindest nach heutigem Stand der Wissenschaft recht natrüliche Vorgänge, die der Körper braucht, um die Säfte und Energien zu verarbeiten…“
„Na also, da haben wir’s doch“, entschied Roswitha. „Ich finde, wir sollten uns ein wenig von den uns selbst auferlegten Zwängen frei machen.“
Die Gäste, aber auch vor allem ihr eigener Ehemann, sahen Roswitha noch immer an, als sei sie das künstliche erschaffene Wesen, das in einer exklusiven Abendgesellschaft wie eine Fremdkörper herausstach.
„Jetzt haben sie sich doch nicht mal so, meine Herrschaften. Jeder von ihnen atmet, schluckt, schwitzt und war schon beim Abort.“
„Das ist ja ekelhaft“, sagte eine empörte Dame, die Victor nicht zuordnen konnte. „Das gehört sich nicht“, sagte eine andere. Es drohte am Tisch eine wilde Diskussion zu entbrennen. Die Stimmen wirrten schon durcheinander. Im Vergleich zu der Strenge, Ruhe und Ordnung, die bisher geherrscht hatte, konnte man schon fast von tumultartigen Zuständen sprechen. Nur Victor, Jerry und Roswitha blieben still und sahen sich mit ebenso ratlosen wie amüsierten Blicken an, bis Roswitha mit einem Lächeln und Nicken ankündigte, dass es an der Zeit war, die Diskussionen zu beenden.
Mit einem großen Löffel schlug sie gegen eines ihrer Gläser und es dauerte nur wenige Sekunden, bis alle Aufmerksamkeit wieder ihr galt.
„Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass die Anwesenheit unserer Ehrengäste und ihr Verhalten heute hier auf solch zum Teil doch starke Reaktionen stoßen.“ Sie sah sich in der Runde um. Ihr Blick war hochvergnügt und freundlich, bis ihr Blick auf den Domdechant fiel. Da verloren ihre Lippen das Lächeln und in ihren Augen brannte Eis.
„Herr Doktor Frankenstein und sein Begleiter Jerry sind heute hier zu uns gekommen, um uns zu zeigen, dass wissenschaftlicher Fortschritt und technologische Entwicklung unabdingbar und Teil unserer Gesellschaft sind. Wir sollten nicht voreilig sein und Dinge verurteilen, die wir nicht kennen. Gepflogenheiten ablehnen und bekämpfen, nur weil sie uns fremd sind. Wir müssen mit der Zeit und der Entwicklung gehen. Wir müssen sie willkommen heißen und uns selbst anpassen. Was geschehen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden und das müssen wir akzeptieren.“
Victor war hingerissen. Diese Frau, dachte er, wie wunderbar sie doch reden konnte. Sie verstand es wahrlich ihre Zuhörer zu fesseln.
„Ich bitte Sie, verehrter Gäste. Lassen Sie sich mit mir zusammen auf das Experiment ein, das Doktor Frankenstein und Jerry vorbereitet haben. Lassen Sie sich darauf ein, dass sie vielleicht noch etwas lernen können.“ Wieder schickte Roswitha einen ihrer ernsten Blicke in Richtung des Domdechanten und war im nächsten Moment wieder freudig und enthusiastisch.
„Herr Jerry hat heute Abend schon bewiesen, dass er anpassungsfähig ist. Er hat sich in unserer Runde eingefunden und akklimatisiert. Nun ist es an uns, dass wir ihm ein Stück entgegen kommen. Lassen Sie sich darauf ein und gehen sie ein Stück aus sich heraus.“
„Und was soll dann aus Anstand, Form und Würde werden?“, warf der Domdechant ein. Sein roter Kopf strahlte wie eine Lampe und zeigte ganz offensichtlich, dass er nicht mit dem Vorschlag seiner Gastgeberin einverstanden war.
„Anstand, Form und Würde können wir wieder wahren, wenn das Experiment vorbei ist. Wer weiß, werter Herr Domdechant – vielleicht lernen ja auch Sie dabei etwas“, sagte Roswitha ruhig, handelte ihr aber trotzdem einen tadelnden Blick ihre Gatten ein.
„Herr Magistrat Knorrhahn“, rief der Domdechant und erhob sich von seinem Stuhl, „das soll ich mir in ihrem Hause hier gefallen lassen? Diese Gotteslästerlichkeit?“
Der Magistrat blieb ruhig. Er sah seine Frau an, dann den Domdechant, dann Jerry und Victor und schließlich wieder seine Frau, bevor er sich dem Domdechant zuwandte. „Lieber Herr Domdechant, ich habe – vor Gott – meiner Frau das Versprechen gegeben, dass ich sie lieben und ehren werde. Ich habe ihr geschworen, dass ich sie immer unterstütze. Und wenn es nun ihr Wunsch ist, dass wir dieses Experiment machen, so sehe ich keinen Grund, warum ich von meinem Schwur ablassen sollte.“
Der Domdechant schnappte ein paar Mal nach Luft, sah noch ein paar Mal zwischen den Gastgebern und Jerry hin und her und trat dann vom Tisch zurück. Er stammelte etwas von Gott und Würde und Menschen und Schöpfung – vor allem aber davon, dass er die Gesellschaft zu verlassen wünschte, damit er mit reinem Gewissen in den Himmel hinauffahren könne, sollte er eines Tages sterben.
Er wünschte allen Anwesenden noch artig einen guten Abend und fügte an, dass er dennoch gerne bereit stünde, wenn die Anwesenden sich am nächsten oder übernächsten Tag zu ihren Sünden bekennen wollten. Er würde sie dann in seinen Gebeten berücksichtigen, damit der große und gütige Gott dem er so geflissentlich diene auch sie in den Himmel vorließe.
Die Tür hatte sich hinter dem Domdechant kaum geschlossen, da öffnete sich am anderen Ende des Raumes die Tür zur Küche und der nächste Gang wurde hereingetragen. Offensichtlich hatte die kleine Diskussion den Zeitplan der Dienerschaft ein wenig durcheinander gebracht – das verriet zumindest das noch strengere, hochnäsige Auftreten des Oberdieners und die auf den Tellern platzierten Servierglocken.
„Zum Rôti servieren wir Gigot d’agneau an Choucroute garni“, kündigte der Oberdiener an, als alle Teller platziert waren. Dann hoben sich die Glocken.
Sauerkraut, dachte Victor.
