Das Knorrhahnsche Haus lag auf einem kleinen, von einem kleinen Park umgebenen, Hügel. Der Hügel war ganz offensichtlich dafür aufgeschüttet worden, um die Bedeutung und Stellung des Hauses zu unterstreichen. Genauso wie der kleine Park oder das prachtvoll verzierte Tor Pracht und Würde ausstrahlten, die in ihrer Künstlichkeit schon fast lächerlich wirkte. Aber nur fast und damit einen mächtigen Eindruck auf Victor und Jerry machten.
Das gesamte Anwesen hätte sicher eine deutlichere Grandezza und Anmut entfaltet, wenn es nicht in die städtische Nachbarschaft hineingezwängt worden wäre. Es war gewiss nicht so beengt und karg, wie es in anderen Teilen der Stadt der Fall war – aber von Weitläufigkeit konnte dennoch nicht die Rede sein. Und trotzdem passte es alles, Tor, Park, Hügelchen und Haus, zur gesellschaftlichen Stellung und Bedeutung der Bewohner.
Victors Herz sprang vor Freude, als er mit Jerry am Tor zum Anwesen angekommen war. Noch während Victor von Jerrys Rücken stieg, fummelte er seine alte Taschenuhr heraus und sah darauf – Es war knapp, aber sie waren noch nicht zu spät.
„Das war knapp, aber wir sind noch nicht zu spät“, sagte Victor, tätschelte seinem Schützling zum Dank mit der flachen Hand den Rücken und richtete dann seine Kleidung.
Es hatte ihn einige Überredungskunst gebraucht, um Jerry zu überzeugen ihn Huckepack zu nehmen. Victor hatte sich für seine Bitte geschämt – er tat es wirklich nicht gerne. Und es gab auch wesentlich bessere Reittiere als seinen großen, starken und doch so verletztlichen Schützling.
„Manchmal erfordern besondere Situationen auch besondere Opfer“, hatte er Jerry gesagt. „Heute ist eine besonders besondere Situation und da können wir uns keine Verspätung erlauben.“
Jerry hatte sich zunächst noch gewehrt. Er sei doch kein Tier, hatte er gesagt, worauf Victor keine rechte Antwort hatte. Nach einiger Diskussion über das Für und Wider hatte Jerry aber dann doch eingewilligt und Victor Huckepack getragen. Nur so hatten sie es, dank Jerrys langer Schritte und Victors treibender Anweisung und Navigation, geschafft pünktlich vor dem Anwesen der Familie Knorrhahn anzukommen.
Gewiss wäre ein Wagen, vielleicht sogar ein Zweispänner, edler, luxuriöser, bequemer und der Situation angemessener gewesen – aber auch erheblich teurer. Und außerdem war es Victor noch nie gelungen einen Fahrer mit Wagen zu überzeugen ihm einen Kredit zu geben, ganz egal wer er war und was er versprach.
Obwohl es noch nicht ganz dunkel war, brannten um das Haus herum schon eine Vielzahl an Fackeln und Kandelaber. Zusammen mit dem Licht der Dämmerung tauchten sie das Anwesen in einen rötlich-goldenen Schein.
Victor spürte, wie sich bei dem Anblick nicht nur seine Stimmung hob. Auch bei Jerry glaubte er in den plump tapsenden Schritten eine gewisse Leichtigkeit zu erkennen. Es würde ein guter Abend werden, wiederholte Victor in Gedanken, damit das Mantra seine eigenen Zweifel besänftigen würden.
Am Eingang des Hauses angekommen wurden Victor und Jerry von hochfein gekleideten Dienern empfangen, die, wenn Jerry nicht den Brokatsack getragen hätte, sie mit Sicherheit abgewiesen und vom Grundstück gejagt hätten. Da sie aber, auch durch den Nachweis der schriftlichen Einladung, eindeutig zu den Gästen des Abends gehörten, wurden sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen und gerümpften Nasen betrachtet. Es war erstaunlich, wie viel diese Menschen mit einem einzigen Seufzer ausdrücken konnten, fand Victor als sich der hochnäsige Diener endlich dazu herabgelassen hatte, sie anzukündigen.
„Herr Dr. Victor Frankenstein und seineBegleitung“, sagte der im festlichen Frack gekleidete Mann in den Empfangsraum hinein und ließ die beiden Neuankömmlinge sodann im Türrahmen stehen, um sich den nächsten ankommenden Gästen zu widmen.
Nur die Frau des Gastgebers, Roswitha Knorrhahn, schien die einzige zu sein, die den beiden Aufmerksamkeit schenkte. Die anderen Gäste, fast ausschließlich Herren, blieben in ihren Gesprächen vertieft. Einzelne verstohlene Blicke huschten in ihre Richtung, wurden dann aber rasch wieder auf etwas anderes gelenkt, damit sie Jerry nicht anstarrten. Roswitha war in ein großes, wallend geschnittenes Kleid gekleidet und kam langen Schritten, ausgebreiteten Armen und einem strahlenden Lächeln in ihre Richtung.
„Victor“, rief sie und übertönte damit das Gemurmel der Gesellschaft. „Es ist so schön Sie zu sehen. Wie wunderbar, dass Sie es haben einrichten können, heute bei uns zu sein.“
Sie herzte Victor, wenngleich sie es dabei auch schaffte, eine vornehme Distanz zu ihm zu waren. „Ich bin ja so hocherfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte Sie zu Jerry, der von der Situation und den fremden Menschen überfordert nur sehr zögerlich die zu ihm ausgestreckte Hand ergriff. Für einen kurzen Moment überkam Victor Panik, dass sein Schützling die zarten Finger der Gastgeberin in seiner mächtigen Pranke zerquetschen würde.
Aber auch diese Furcht war völlig unbegründet – Jerry verhielt sich vorbildlich und an den geprobten Ablauf und schaffte es sogar, mit einem leisen Grummeln und einer sanften Verbeugung den Gruß zu erwidern.
„Kommen Sie, kommen Sie“, drängte Roswitha und zog Victor am Ärmel zur Mitte des Raumes. „Sie müssen unbedingt die anderen Gäste kennenlernen. Dem Domdechant habe ich schon von Ihnen erzählt und war für ein herausragender Wissenschaftler Sie sind.“
Der Priester war in seinem Talar besonders einfach zu erkennen, bewahrte aber eine grimmige Miene voller Skepsis, als Victor und Jerry ihm vorgestellt wurden.
„Dr. Frankenstein ist ein herausragender Wissenschaftler“, sagte Roswitha voller Überschwang. „Seine Forschung und Entwicklung suchen wahrlich ihresgleichen in der Welt.“ Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da war sie auch schon wieder verschwunden, um sich mit ungeminderter Freude und Energie den nächsten Gästen zu widmen, die vom Diener angekündigt in der Tür zum Empfangsraum stehengelassen worden waren.
„So, ein Mann der Wissenschaft“, sagte Domdechant Enders in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, wie wenig er sich darüber freute, Victors Bekanntschaft zu machen. Jerry ignorierte er insgesamt.
„Die Frau Magistrat erzählte mir, dass Sie wahrlich anmaßend handeln und ein Lebewesen erschaffen haben?“
Victor, stolz auf den ihm schon vorauseilenden Ruhm, nickte heftig und entschied sich den unterschwelligen Angriff des Pfaffen zu ignorieren.
„Ganz recht“, bestätigte Victor und deutete auf Jerry. Noch bevor er aber weitersprechen und Jerry als seinen Schützling vorstellen konnte, entlud der Domdechant seine Tirade über die Heiligkeit der Schöpfung.
„Die Schöpfung ist heilig. Es ist eine Sünde, sich so der Wissenschaft zu verschreiben, im Versuch ein Lebewesen zu erschaffen. Frevel, sage ich. Gotteslästerung wird mit der Ewigkeit im Fegefeuer der Hölle bestraft, junger Mann. Ich kann nur für Sie hoffen, dass der Teufel nicht schon vollends Besitz von Ihnen genommen hat und es noch nicht zu spät ist, Ihre arme sterbliche Seele zu retten.“
Victor musste kurz schlucken, nahm dann aber die Herausforderung mit einem verschmitzen Lächeln an. „Nun, wissen Sie, Domdechant. Ich glaube ganz fest an die Wissenschaft und Forschung – die es im übrigen noch nicht geschafft haben, die Existenz des Teufels oder gar Gottes zu beweisen.“
„Wissenschaft, pah. Die Existenz Gottes bedarf keines Nachweises.“
Zorn und Ärger schwangen in der Stimme des Pfaffen und Victor fragte sich, ob er nicht sogar schon zu weit gegangen war, den wichtigen, bekannten und allseits geachteten Domdechant so zu verärgern.
„Ist Gottes Schöpfung nicht schon Beweis genug für seine Herrlichkeit, Güte und Existenz?“, fragte der mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und merken Sie sich: Nur Gott ist in der Lage, wahres Leben zu erschaffen. Nur er kann Leben verleihen und seinen Geschöpfen eine wahre Seele einhauchen. Vermessen und höchmütig ist es, gar gotteslästerlig, seine Existenz dermaßen in Frage zu stellen.“
„Aber, aber, Domdechant“, raunte eine tiefe und versöhnlich klingende Stimme. Sie gehörte einem sehr beleibten Herren, dessen Frack drohte an allen Nähte zu platzen. Unbemerkt vom Domdechant und Victor hatte er sich genähert und drängte sich mit dem nach vorne ausladenden Bauch nun zwischen die beiden Kontrahenten. „Sie sollten mit der Zeit gehen und die Beweise aus Wissenschaft und Forschung anerkennen. Ob Gott oder nicht. Ob lästerlich oder nicht. Es geht um die Erkenntnis.“
„Auch die Erkenntnis kommt von Gott, Herr Wiegerschreck“, sagte Domdechant Enders.
„Wolfgang Wiegerschreck“, sagte der Dicke zu Victor gewandt. „Inhaber und Direktor der Wiegerschreck Fabrik für Wurst- und Miederwaren. Freut mich, sie kennenzulernen.“
Die zum Gruß ausgestreckte Hand wirkte mit den fleischigen Fingern, als sei gerade erst aus der Produktion der Wurstwarensparte entflohen.
„Frankenstein, Doktor Victor Frankenstein, hocherfreut“, sagte Victor und erntete dafür ein Lächeln vom dicken Wiegerschreck, das ehrlicher, aufrichtiger und vielleicht auch einfältiger nicht sein konnte.
„Lassen Sie doch die Streiterei, lieber Domdechant. Wenn Doktor Frankenstein die für heuten Abend angekündigte Vorstellung seiner Forschung macht, werden Sie lieber Herr Enders auch erkennen müssen, dass dem Fortschritt der Wissenschaft und damit auch die Erkenntnis über alles Sein nicht mehr aufzuhalten sind.“
Der Domdechant verfiel in eine Schnappatmung, die in seinem faltigen Gesicht eine feuerrote Färbung verlieh. Ohne die beiden Herren eines weiteren Wortes zu würdigen drehte er sich auf dem Absatz um und ging fort.
„Tja“, seufzte der Dicke und lächelte Victor erwartungsfroh an. „Wo ist denn ihr wissenschafliches Wunder – Ihre gotteslästerliche Schöpfung, die Sie uns heute präsentieren wollen? Ich bin ja sehr gespannt.“
Victor, freudig darüber, nun mit jemand zu tun zu haben, der offensichtlich seiner Erkenntnisse und vor allem seinem Schützling aufgeschlossen gegenüber zu sein, sah sich um. „Er ist gleich hier“, sagte er, wies neben sich, konnte Jerry aber nicht finden.
Der Wurst- und Miederwaren-Fabrikant folgte Victors suchenden Blick. Doch, Jerry war eindeutig verschwunden und Victor schluckte trocken. Das konnte doch nicht wahr sein, dachte er.
Jetzt, da er Jerry hätte einem interessierten und aufgeschlossenen Menschen hätte präsentieren können, war sein Schützling mit einem Mal verschwunden. Er konnte nur hoffen, dass Jerry nicht völlig Reißaus genommen hatte – es würde den Erfolg des Abends nicht nur erschweren, sondern auch alle Pläne und Träume an die er in den letzten Tagen gedacht hatte völlig torpedieren.
„Äh, ja“, stammelte Victor. „Er ist gerade hier gewesen.“
„Sie sagen ‚Er‘? Das klingt ja spannend, bei einer wissenschaftlichen Entdeckung“, lachte der Fabrikant mit wippendem Bauch. „Ich dachte Wissenschaftler wahren die geforderte nüchterne Distanz zu allen Dingen.“
„Mitnichten“, konnte Victor gerade noch hauchen und löste sich dann mit dem Gefühl einer aufsteigenden Panik aus dem Gespräch mit Wurst- und Miederwarenfabrikanten Herrn Wiegerschreck.
Victor musste Jerry finden. Und das schnell. Es kamen keine neuen Gäste mehr an und die Gastgeber konferierten mit ihrer Dienerschaft. Es konnte sich also nur noch um wenige Minuten handeln, bis die Gesellschaft gebeten würde, am Esstisch Platz zu nehmen.
Hektisch sah sich Victor um. Er durfte jetzt keine Zeit verlieren. Jerry war definitiv nicht im Raum zu sehen. Er würde die anwesenden Menschen mit Leichtigkeit deutlich überragen. Und selbst, wenn er irgendwo zusammengekauert in einer Ecke säße, würde allein dieser Umstand schon einen Hinweis auf seinen derzeitigen Verbleib geben. Wo war er nur und was hatte er getan, während sich Victor mit dem Domdechant gestritten hatte.
Victor betrachtete die Einrichtung, die edlen Möbel, die prunkvollen Blumen und Gestecke, die kunstvollen Tapeten und Gemälde an den Wänden. Das goldene Licht, das Gemurmel der Gäste und das bedachte und unauffällige Umherhuschen des Hauspersonals. Das alles erzeugt in Victor eine Stimmung der Festlichkeit, der Vorfreude. Und doch spürte er, wie alles auf ihn einprasselte, ihn forderte, seine Konzentration anstrengte und in eine latente Müdigkeit mündete – alle die Ereignisse und Eindrücke des Tages hatten sich auf diese Momente im Empfangsraum kumuliert. Wenn es ihm denn nun so ging, dachte Victor, wie würde es dann wohl für Jerry sein?
Sein Schützling war noch nie in einer solchen Situation gewesen. Große Menschenansammlungen mieden sie für gewöhnlich – die Eskalation auf dem Markt am Nachmittag hatte sehr gut gezeigt, warum sie so vorgingen, wenngleich sie auch schon ohne nennenwerten Zwischenfall im Marktgetümmel unterwegs gewesen waren. Victor hatte schon mehrfach Abendgesellschaften besucht – als Student und an der Universität, in der Zeit vor Jerry. Er kannte sich aus, auch wenn es für ihn selbst etwas besonderes war. Auf diesen Erfahrungsschatz konnte der Schützling aber nicht zugreifen.
Victor versuchte sich weiter in Jerrys Lage hineinzuversetzen. Er versuchte sich daran zu erinnern, wie Jerry es wohl wahrnehmen und handeln würde.
Wieder sah er sich um. Wie oft hatte er sich nun, in der Mitte des Raumes stehend, um die eigene Achse gedreht und sein Umfeld betrachtet? Ja, er hatte es betrachtet, aber noch nicht richtig hingesehen.
Victors Augen fielen auf die Gemälde. Sie waren kunstvoll gearbeitet, wenn auch vom Stil nicht mehr ganz modern, da sie doch eher an die Werke der alten Meister erinnerten, die vor über hundert Jahren noch ihren Zenit und große Schaffensphasen gehabt hatten. Inhaltlich schienen sie auf den ersten Blick auch nichts besonderes darzustellen. Es waren Motive, die Victor kannte, die immer gleiche Anhäufung und Aneinanderreihung von Symbolen. Aber – und das war wichtig – auf Jerry würden diese vielen kleinen Grausamkeiten inmitten der Schönheit des Lebens bedrohlich wirken. Natürlich, durchfuhr es Victor. Alle Bilder stellten das Schöne und Gute dem Bösen und Hässlichen gegenüber. Das Leben und der Tod. Gewiss, Victor war kein großer Kunstkenner, aber das Wesentliche hatte er schon verstanden – so gehört es sich schließlich für einen Mann, der etwas auf seine Bildung hält.
Victor war sich sicher, dass die Bilder und die Klänge, die Enge des Raumes und alles rund herum, Jerry dazu bewegt hatten aus dem Raum zu fliehen.
Es gab vier Türen. Eine führte hinaus in die Eingangshalle und dann nach draußen. Wäre Jerry dort nach draußen geflohen wäre es sicher aufgefallen. Eine zweite Tür führte in ein kleines Erkerzimmer. Es war sehr eng und bot kaum genügen Platz für zwei Leute, die sich in kleinen Sesseln gegenüber sitzen konnten. Hier war Jerry nicht.
Die dritte Tür führte in das geräumige Esszimmer. Hier waren gerade noch die Bediensteten dabei, letzte Vorbereitungen zu treffen – keine Spur von Jerry.
Victor verließ den Raum durch die vierte Tür. Jerry musste hier entlang verschwunden sein.
Der hinter der Tür liegende Gang war nur sehr schlecht beleuchtet. Man hatte sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hier Lampen oder Kerzen aufzustellen. Es war ja auch nicht zu erwarten gewesen, dass die Gäste sich auf eigene Faust zu einer Erkundung des restlichen Hauses machen würden. Und außerdem wäre das schummrige Licht für die zivilisierten und hochgeborenen Gäste wohl auch ein klares Zeichen, dass ihre Anwesenheit und Erkundung in diesem Gebäudeteil von den Gastgebern nicht erwünscht war. Sonst würden sich im Knorrhahnschen Haushalt mit Sicherheit genügend Kerzen, Lampen, Fackeln und Feuerschalen finden lassen, um den weiteren Prunk und Protz der im Gang zu finden war zu erleuchten. In der Tat waren die Wände hier mit weiteren Bildern und Gemälden behangen und wirkten durch das von außen nur schwach hereinscheinende Licht noch bedrohlicher und düsterer als sie eigentlich waren.
Victor konnte das Ende des Ganges sehen. Das hohe Fenster war gut zu erkennen, denn es war von den draußen flackernden Flammen und Feuern so hell erleuchtet, als sei es fast schon Tag. In den Gang selbst drang nur wenig Licht, aber es reichte um einen zusammengekauerten Schemen vor dem Glas zu entdecken.
Victor seufzte und war froh, Jerry so schnell gefunden zu haben. Andererseits bereitete es ihm aber Sorge, dass sich sein Schützling in diese ferne Ecke zurückgezogen und so klein gemacht hatte.
Victor näherte sich dem Fenster und dem davor zusammengerollten Jerry, als sei er ein wildes Tier, das sich durch die kleinste unvorsichtige Bewegung provoziert fühlen und auf Angriff umschalten könnte. Er hielt eine Hand vorsichtig nach vorne gestreckt und schlich auf leisen Sohlen, den Körper nur halb zu Jerry gedreht, damit er schnell in die entgegengesetzte Richtung würde fliehen können – sofern es denn notwendig sein sollte.
„Jerry?“, fragte er vorsichtig, als er nur noch ein paar Schritte von seinem monströsen Freund entfernt war. Eine Antwort bekam er aber nicht.
„Jerry?“, fragte er nochmals vorsichtig, nun aber mit einer Melodie in der Stimme, die seine Sorge und Angst durch Fröhlichkeit zu überspielen versuchte. Darauf antwortete Jerry nur mit einem Knurren.
Victor wagte sich noch einen Schritt näher an Jerry heran. Wenn er seine Finger nun ausstreckte, könnte er ihn fast berühren. Seine Hand schwebte über dem Brokathaufen. Vielleicht war es ja die Schulter, dachte Victor und versuchte zu erkennen, ob er nicht irgendwo ein paar von Jerrys schwarzen zotteligen Haaren würde sehen können.
„Jerry?“, fragte er erneut und trällerte dabei schon fast mit gespielter Fröhlichkeit. Seine Hand senkte sich, um Jerry zu berühren, doch bevor es zum Kontakt kam, riss Jerry den Kopf nach oben, knurrte und schnappte mit den Zähnen nach Victors Fingern. Victor zog im Sprung nach hinten seine Hand zurück – auch wenn er Jerry grundsätzlich vertraute, gebissen werden wollte er von ihm trotzdem nicht.
„Na na na“, tadelte Victor. „Du bist doch kein Hund. Was soll das denn?“
Jerry knurrte nur und fletschte noch einmal die Zähne.
Victor ignorierte die animalischen Züge. Auf diese Ebene wollte er sich nicht hinablassen. Auch wenn sich sein Schützling selbst manchmal eher als Tier sah, so wollte er ihn doch lieber als zivilisiertes Geschöpf wahrnehmen und behandeln.
„Was ist denn los?“
Victor fühlte sich als spräche er mit einem Kind.
„Komm mit mir, die Herrschaften haben schon zum Abendessen gerufen. Dafür sind wir doch hergekommen.“
„Nein“, fauchte Jerry.
„Nein?“
„Nein.“
„Was meinst du?“
„Ich komme nicht mit.“
„Nein?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Sie machen mir Angst.“
„Wer? Die Gemälde und Bilder? Vor denen musst du doch keine Angst haben Jerry.“
„Nein. Nicht vor denen. Die machen mir keine Angst.“
„Was denn? Was macht dir Angst?“
„Die anderen.“
„Die anderen?“
„Die Menschen. Die machen mir Angst.“
„Aber Jerry, das sind doch nur Menschen, vor denen musst du doch keine Angst haben.“
Jerry schaute Victor mit einem Blick an, der einem kleinen Hund nicht unähnlich war und das Gefühl echter Sorge in Victor hervorrief.
„Aber ich habe dennoch Angst“, sagte Jerry. „“Ich habe Angst vor der Angst der Menschen.“
Victor war ratlos. Was meinte Jerry?
„Ich meine: Menschen haben immer vor dem Fremden Angst. Sie haben Angst davor, weil sie es nicht kennen. Und weil sie es nicht kennen und Angst davor haben, wollen sie es zerstören.“
Victor nickte. So hatte er die Sache bisher noch nicht betrachtet.
„Und weil ich für sie fremd bin, mache ich ihnen Angst und sie werden mich töten wollen.“ Die hängenden Schultern und die kraftlose Haltung des eigentlich mächtigen und starken Körpers erzeugten ein Bild des Elends.
„Ach was“, sagte Victor im Versuch seinen Schützling aufzumuntern. Der sah ihn aber aus funkelnden Augen an.
„Aber der dunkle Gott-Mann mit dem fiesen Gesicht hat es doch selbst gesagt. Er hat gesgt, dass wir Gott lästern und dafür in die Hölle kommen.“
Victor müsste sich zusammenreißen damit er nicht dem Gedankengang verfiel, ob es für Geschöpfe wie Jerry überhaupt so etwas wie Himmel oder Hölle geben wurde. Andererseits hatte Jerry, oder viel eher das woraus er geschaffen worden war, schon wesentlich mehr Erfahrung mit dem Tod gemacht, als es Victor jemals möglich sein sollte. Und, wenn man es sehr genau nahm, dann lebte Jerry schon ein Leben nach dem Tod. Wie sollte Victor also urteilen.
Sie verharrten einen Moment in Stille, tauschten fragende und bestärkende Blicke, geprägt von einem Gefühl des tiefen und unerschütterlichen Vertrauens.
Schritte näherten sich. Victor sah sich um.
Es war Roswitha, die sich ihnen näherte. Sie war um einige Jahre älter als Victor. Ihr haftete eine mondäne Aura unerschütterlicher Eleganz und Erhabenheit an, die über Jahre hinweg geformt und trainiert worden war. Unerschütterlich auch durch die Gelassenheit mit Ansehen, Macht und Geld den Verlauf der Welt beeinflussen zu können.
Victor sah sie an und war sich sicher, würde der Magistrat eines Tages durch einen schrecklichen und unvorhersehbaren Unfall oder eine Krankheit oder ein hohes Alter sterben, er, Victor würde sich bereitwillig und als ehrbarer Held und Fürsorger der Witwe Roswitha zur Seite stellen – und dann hoffentlich auch heiraten.
„Victor, hier sind sie ja“, sagte sie. Sie war offensichtlich erfreut, ihn und Jerry gefunden zu haben, wenngleich auch eine echte Sorge um das Wohlergehen ihrer beiden Gäste mitschwang.
„Wir wollen mit dem Abendessen beginnen. Die anderen Gäste begeben sich schon zu Tisch.“
„Ja“, sagte Victor und erhob sich aus seiner gebückten Haltung, richtete seine Kleidung. „Wir sind … äh… kommen.“
Mit der Hand deutete er Jerry, dass er sich nun auch erheben und mit ihm der Gastgeberin folgen sollte.
Der Schützling erhob sich.
Sein in Brokat gehüllter Körper überragte Victor und die Dame des Hauses bei weitem. Für einen Moment dachte Victor daran, wie erhaben sein Gefährte eigentlich war. Ein Wunder, in gewisser Weise, das Victor zwar gut kannte aber immer noch nicht vollends verstand.
Mit leisem, den Missmut zur Schau stellenden Grummeln erhob sich Jerry und folgte Victor und Roswitha.
