Vic & Jerry – Kapitel 8 – Der vierte Gang

Als die Diener mit dem nächsten Gang hereinkamen, war nicht nur offensichtlich, dass die Speisen mit Hast zusammengestellt worden waren, sondern auch die Diener nicht länger als notwendig in dem Raum verweilen wollten.

Vor allem der Oberdiener musterte die Runde verächtlich, die weiter kleine Rangeleien um Sauerkraut und Bratenreste ausfocht. Und selbst dem Magistrat gegenüber war sein Verhalten noch distanzierter als zuvor. Er machte sich kaum noch die Mühe große Ankündigungen zu machen.

„Spargel“, sagte er, als eine große Schale voller dampfender Standen auf die Mitte des Tischs platziert wurde.

Die ersten Gäste leckten sich derweil schon die Zähne und schätzten mit Besteck in der Hand ihre Chancen für den wohl folgenden Kampf ab. Noch wagte aber keiner den ersten Angriff auf das Aufgetischte.

„Sauce“, annoncierte der Diener nur knapp als zwei mittelgroße Schüsseln, strategisch interessant, links und rechts der Spargelschale platziert wurden.

Der Tisch war lang und der Spargel lag in der Mitte. Die an den äußeren Enden sitzenden ((Teilnehmer)) waren damit im Nachteil – sie kamen nicht nur einfach an den Spargel heran, sie hatten auch noch die Soßentöpfe als Hindernis zu überwinden.

Bevor es aber losgehen konnte, wurde ein Topf hereingetragen. Es brauchte gleich zwei der Bediensteten, dieses Ungetüm zu manövrieren. Es war damit auch absolut ungleich der filigran gearbeiteten Porzellanschüsseln und der Schale. Victor interpretierte es als patzigen Gruß aus der Küche, dass die Abendgesellschaft doch nun bitte tun sollte, was sie für richtig hielt. Damit die Schale mit Spargel nicht unnötigen Schaden nahm, beschloss Victor kurzfristig zu assistieren und rückte sie zur Seite.

Wie ein Turm wirkte nun der Topf. Fest, schwer und dampfend stand er dort und verdeckte Victors Blick auf seinen Schützling.
Mit hastigen Bewegungen suchten die Diener nun das Weite und kaum war die Tür ins Schloss gefallen, sprangen Jerry, der Magistrat und der Miederwarenfabrikant auf.

Roswitha, mit flinken Fingern, sicherte sich eine Schüssel mit Soße. Victor fragte sich, welchen strategischen Hintergrund diese Handlung wohl gehabt haben mochte. War es, um sich eine Komponente des Gangs so früh und schnell wie möglich zu sichern? Oder, um das wertvolle Porzellan vor ihrem Mann zu schützen, der Anstalten machte, auf den Tisch zu klettern, um die weit von ihm entfernt stehenden Speisen zu erreichen.

Victor konnte gar nicht allen Bewegungen und Aktionen am Tisch folgen. Selbst die Gäste, die sich vorher zurückgehalten hatten, stiegen nun in den Kampf ein und trugen zur Unübersichtlichkeit der Situation bei.

Er entschied sich, dass er sich nicht am Kampf beteiligen wollte. Es reizte ihn nicht. Das Animalische hatte er in mühsamer Kleinarbeit fast nahezu aus Jerry verbannt – er würde sicher nicht in den Versuch einsteigen es selbst auszuprobieren. Den anderen würde er den Spaß auch nicht vergönnen. Er würde sich nur mit einem vorsichtigen Schluck Wein begnügen. Das Angebot auf dem Tisch war dazu ja reichhaltig genug. Und außerdem gelüstete es ihm auch gerade keineswegs nach Sauerkraut oder Spargel. Vor allem Spargel. Es gab nichts, was Victor mehr verachtete als dieses Gemüse. Man hatte ihm vorgeworfen hochnäsig zu sein und die Delikatesse zu verachten, die in den höchsten Häusern serviert wurde. Victor wusse freilich auch, dass es viele sehr arme Menschen gab, denen kaum etwas anderes übrig blieb als Spargel zu essen, weil sie einfach nichts anderes hatten. Nein, das war es nicht. Er mochte Spargel ganz einfach nicht.

Während nun also die vormals feine Abendgesellschaft sich über Schüsseln, Schalen und Töpfen hermachte, blieb Victor am Tisch sitzen, ließ das Schauspiel ablaufen, wich gelegentlich herum fliegenden Lebensmitteln aus und wartete auf die nächste Etappe dieses ereignisreichen Abends.

Zu seinem eigenen Bedauern blieb seine Zurückhaltung nicht unentdeckt. Einige andere der vormals zurückhaltenden Gäste hatten sich in das wilde Geschehen gestürzt und ernteten dafür die Anerkennung der Gastgeber. Bei einer Rangelei um die Kelle für den Sauerkrauttopf, fiel Roswithas Blick auf Victor. Langgestreckt, auf Händen und Füßen balancierend versuchte sie sich den Angriffen zweier Damen zu erwehren, die nach einer der beiden Saucenschüsseln trachteten. Nun, da sie aber Victor erblickt hatte, erstarrte sie für einen kurzen Moment in ihrer Bewegung – was die beiden Damen zu ihrem Vorteil zu nutzen verstanden und sich der umkämpften Saucenschüssel ermächtigten.

„Fehlt Ihnen etwas, lieber Victor?“, fragte sie und kroch ein paar Zentimeter auf Victor zu.

Victor fühlte sich ertappt. Er lächelte verlegen und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, keine Sorge. Es ist alles in Ordnung“, sagte er, unsicher ob dies nicht doch eher eine höfliche Lüge war, denn so wirklich wohl fühlte er sich in dem Chaos nicht.

„Aber warum essen Sie denn nicht?“, fragte Roswitha.

Victor versuchte zu einer Erklärung anzusetzen, die die Gastgeberin einerseits nicht brüskierte und andererseits ihn davor bewahrte, in die Kämpfe einzusteigen. Anscheined zögerte er aber zu lang und lenkte somit auch die Aufmerksamkeit des Magistrats auf sich, der sich mit einen gut gefüllten Teller zu seinem Platz zurückgezogen hatte und zufrieden Spargel mampfte.

„Dr. Frankenstein“, rief er quer über den Tisch, dass es alle mitbekamen. „Essen Sie! Los, essen Sie! Der Spargel ist vorzüglich.“

Wieder versuchte sich Victor mit einem Lächeln und einer verlegenen Entschuldigung aus der Affäre zu ziehen. Er kam aber gar nicht dazu.

„Sein Teller ist leer“, stellte der Miederwarenfabrikant fest. „Er hat keinen Spargel.“

Victor hätte sich gewünscht, dass die letzte Bemerkung weniger laut ausgefallen wäre, denn so lenkte sie nun nur noch mehr Aufmerksamkeit aller Gäste auf ihn.

„Die Schalen sind auch leer“, bestätigte Roswitha.

Sie hatte Recht, stellte Victor fest. Alle Gäste, ob sie nun noch in Kämpfe verwickelt waren oder sich schon dem Verspeisen der Speise zugewandt hatten, hatten mehrere Stangen Spargel auf ihren Tellern liegen.

„Aller herhören!“, befahl der Magistrat mit vollem Mund. Sofort wurden auch die letzten kleinen Rangeleien vorläufig eingestellt. Victor schwante Böses. „Unser Ehrengast Dr. Frankenstein hat keinen Spargel. Das lasse ich nicht zu. Hier soll niemand hungrig vom Tisch gehen.“

„Nein, nein“, sagte Victor im Versuch dem Gastgeber Einhalt zu gebieten. „Es ist nicht schlimm.“

„Ruhe“, raunte der Magistrat mit sonorer Stimme. „Ob es schlimm ist oder nicht, haben Sie nicht zu bestimmen. Sie haben keinen Spargel und das kann ich so nicht akzeptieren.“

Mit spitzen Fingern nahm er eine Stange von seinem Teller und hielt sie kurz in die Höhe. „Nehmen Sie von mir!“, sagte er und ließ mit einem Flicken des Handgelenks das Gemüse so über den Tisch rotieren, dass es mit einem leisen Klatschen genau mittig auf Victors Teller landete.

„Dr. Frankenstein braucht mehr Spargel“, entschied der Magistrat und sprach sodann in die Runde: „Geben Sie alle von Ihrem Spargel mindestens eine Stange an unseren Ehrengast -„

Er hatte den Satz noch gar nicht zu Ende gesprochen, da hagelte es schon aus allen Richtungen Spargelstangen in Victors Richtung. Während einige mit ähnlicher Präzision auf und rund um Victors Teller landeten, verfehlten andere ihr Ziel gewaltig. Ob mit Absicht oder nicht, es erzeugte bei einigen Gästen jedenfalls den Impuls sich gegenseitig das Gemüse auf die Teller oder an den Kopf zu werfen. Je länger es dauerte, desto wilder wurde das Gewerfe.
Victor saß in der Zwischenzeit nur stumm vor seinem Teller auf dem sich der Spargel auftürmte und dachte darüber nach, wie viel lieber er ihn nun durch Sauerkraut essen würde.

„Was ist, lieber Frankenstein?“, fragte der Magistrat. „Warum essen Sie nicht?“

Victor konnte keine Antwort geben, denn der Mann drängte ihn sofort weiter: „Los, essen Sie! Es ist schmeckt wirklich hervorragend.“

Die Aufforderung des Magsitrats war kein Befehl, auch kein Bedrängen. Er wirkte auch gar nicht böse oder jähzornig. Nein, es war die pure Freude an dem Moment, die eine magische Wirkung auf Victor hatte. Er konnte gar nicht anders als, der Aufforderung zu folgen und unter den wachsamen Augen seiner Gastgeber ein Stück vom Spargel abzuschneiden und mit der Gabel in den Mund zu stecken. Während das Ehepaar Knorrhahn anerkennend nickte und lächelte, kaute Victor bedächtig auf dem Stück Gemüse herum. Es kostete ihn höchte Konzentration und Anstrengung die Lippen geschlossen zu halten, halbwegs glaubwürdig zu lächeln und nicht seinen gesamten Mageninhalt zu erbrechen.

Was er nicht alles über sich ergehen ließ, damit er und Jerry endlich die ihnen gebührende Anerkennung erfuhren, dachte Victor bei sich selbst und spülte den Spargel mit einem großen Schluck Wein hinunter.

Er hatte gehofft, dass sich damit die Sache erledigt hätte und er den Rest des Gemüses nun würde liegen lassen können. Er hatte auch schon Ausschau gehalten, welchen Gästen er die übrigen Stangen wohl unterjubeln könnte. Die Möglichkeit ergab sich aber nicht. Weiterhin wachsam sahen ihm seine Gastgeber zu und wollten sich auch nicht von den anderen Gästen ablenken lassen. Es war, als würden sie nun jede seiner Bewegungen verfolgen, damit er nun ja keine Stück des grünen Stangengemüses verschmähte.

Victor saß in der Falle. Es gab keine andere Möglichkeit, stellte er fest. Er würde aus dieser Situation nur herauskommen, wenn er es fertigbrachte, den Teller leer zu essen und alles Gemüse zu verspeisen.

Mechanisch und teilnahmslos ergab sich Victor seinem Schicksal. Erst lächelte er dem Magistrat und seiner Gattin freundlich zu, dann schnitt er sich ein Stück Spargel zurecht, stach mit der Gabel hinein, führte es zum Mund, kaute zwei oder drei Mal und spülte es dann mit einem gehörigen Schluck Weißwein hinunter. Der Vorgang zog sich über eine unendlich wirkende Ewigkeit hin. Lächeln, schneiden, kauen, trinken, schlucken. Lächeln, schneiden, kauen, trinken.

Victor begann zu schwitzen. Es wurde ihm immer unangenehmer – ob dies nun aber auf den Spargel, den Wein oder die Raumtemperatur zurückzuführen war, konnte er nicht bestimmen.

Auch die Sammlung an Spargelstangen auf seinem Teller schien kaum kleiner zu werden und so kam er nicht umhin, sich eine weitere Flasche Wein von den Dienern vorsetzen zu lassen, damit er überhaupt ein Chance hatte, den Erwartungen seiner Gastgeber genüge zu tun.

Während der gesamten Zeit in der er die Tortur über sich ergehen ließ, kreisten seine Gedanken. Er ließ es über sich ergehen, da er fest davon überzeugt war, dass dies der einzige und beste Weg war, endlich wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen, Anerkennung und Erfolg zu erfahren und – zu guter letzt – aus seiner prekären finanziellen Situation zu entfliehen. Wenn der Erfolg das Ergebnis war, so musst er den Spargel wohl oder übel essen.

Und dann, nach einer nicht enden wollenden Ewigkeit, in der sich Victor mehrfach fragte, ob er nicht vielleicht schon gestorben und die Hölle hinabgefahren war, hatte er es endlich geschafft: Sein Teller war leer. Ebenso leer waren drei Flaschen Wein. Und ebenso leer waren sein Blick und seine Gedanken.

Wie sollte es nun bloß weitergehen? Was würde als nächstes passieren? Victor konnte spüren, wie mit jeder Sekunde der Alkohol seine Sinne weiter benebelte. Er konnte sich kaum rühren und saß in seinem Stuhl als hätten sie ihn daran angebunden. Mit einem panischen Blick zu seinen Armen und Beinen suchte er nach den Fesseln – dem unberechenbar gewordene Magistrat und seinem hochnäsigen Diener war schließlich alles zuzutrauen. Victor fand aber keine Fesseln. Sicher fühlte er sich trotzdem nicht. Sein immer mehr umnebelter Geist fragte sich, warum er sich so unsicher fühlte. Der Abend verlief doch prächtig – bis auf die Ewigkeit, die das Vertilgen des Spargels gedauert hatte. Warum war er sich nicht sicher, was es war?

Victor wurde schlecht. Als hätte eine fremde Macht die Kontrolle über ihn ergriffen, erhob er sich und Er spürte, wie sich der Raum um ihn herum zu frehen befann. Und auch Roswitha shcien das Unwohlsein aufgefallen zu sein. „Fehlt ihnen etwas, Victor?“, fragte sie.

„Nein, nein“, hörte sich Victor lallen. „Es war nur vielleicht erwas viel auf einmmal.“

„Ja. so köstlich der Spargel nicht? Ich muss mich auch immer bremsen, um nicht zu viel auf einmal zu essen.“

Victor fragte sich, was an dem zivilisierten Gespräch nicht passte, warum es ihm so unwirklich vorkam und entschied sich schließlich, den immernoch im Raum tobenden Tumult zu ignorieren.

„Möchten Sie vielleicht für einen Moment an die Luft? In den Garten vielleicht?“

Victor nickte.

Seine Sinne konnten kaum noch zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden. Aus reiner Höflichkeit versuchte er beim Hinausgehen, über die Köpfe der essenden und rangelnden Gäste hinweg, eine Konversation mit seiner innig verehrten Gastgeberin Roswitha zu führen. Er brauchte aber alle Kraft und Konzentration, um sich an den Stuhllehnen zu stabilisieren und außerdem zu beherrschen, um nicht in vollem Schwall das soeben verspiesene Gemüse mit Weinzugabe wieder auf dem Esstisch auszubreiten.
„Isch binsch, hicks, hisch undschuldisch und scher dank. Binisch“, waren die einzigen Laute, die er herausbrachte, bevor er verstand, dass es wohl besser war für einige Zeit nichts zu sagen.