Vic & Jerry – Kapitel 11 – Auf der Wiese

Eine gewisse Schönheit konnte Victor Jerry nicht abstreiten. Er hatte gutes Material gewählt, stellte Victor fest und lobte damit sein früheres Ich. Wären es vielleicht nicht so viele Narben am Körper seines Schützlings, würden sicherlich auch Frauen Gefallen an Jerry finden. Der Gedanke an Jerry und eine Frau lösten Panik und Reflexe der Furcht in Victor aus. Es erinnerte ihn icht nur an eines der dunkelsten Kapitel seines Lebens.

Nein, wie auch schon bei den Kindern löste der Gedanke in Victor eine Art Beschützerinstinkt aus. Den Wunsch, diese dritte Person, obwohl sie vielleicht gar nicht existierte, vor Jerrys wildem Naturell zu schützen. Eine Frau, solch ein zartes Wesen, konnte in Victors Welt unmöglich neben diesem grobschlächtigem Wesen bestehen. Sie würde untergehen.

Ein anderer Gedanke flog durch Victors Kopf. Doch er reagierte sofort und verbannte ihn, kaum dass er ihn zu Ende gedacht hatte.

Nein, er hatte sich geschworen, nie wieder diesen Prozess zu durchlaufen, den es brauchte, um ein Wesen wie Jerry zu schaffen.

Es war, wenn man es so will, eine schwere Geburt und erlief dennoch so anders, als der natürliche Weg. Es tat ihm für Jerry Leid, dass er ihm nie eine Gefährtin erschaffen hatte. Die Entscheidung hatte auch zu ihrem größten Zerwürfnis geführt.

Aber für sie beide bedeutete es, dass sie ohne Gefährtinnen oder gar eigenen Kindern auskommen mussten. Vielleicht sogar ohne Liebe.
Für einen Moment fühlte Victor tiefe Trauer in sich aufsteigen. Und er sah sich in der Gefahr, einen anderen Gedanken zu denken, den er schon oft gehabt und ebensoweit von sich gewiesen hatte, wie daran ein weiteres Wesen zu erschaffen.

Nein, er würde ihn nicht denken. Es war einfach zu schmerzhaft.
„Aber für die Liebe, dafür haben wir ja uns“, hauchte Victor leise, um den schlafenden und schnarchenden Jerry nicht aufzuwecken.

Er sah diesen zusammengesetzten Körper an und dachte an die wohlwollenden und väterlichen Gefühlen, die er für seinen Schützling empfand. Er war stolz, so etwas schönes wei Jerry geschaffen zu haben – trotz aller Schwierigkeiten und Probleme die ihre gemeinsame Existenz mit sich brachte. Und auch trotz der geteilten Einsamkeit.

Das Morgengrauen hatte schon eingesetzt und Victor spürte, wie die Feuchtigkeit der Wiese durch seine Hose an sein Gesäß drang. Kalt und nass.

Den auf dem Boden liegenden Jerry schienen weder die Kälte und Nässe, noch die schweren Gedanken zu kümmern. Er schlief. Und er schnarchte geräuschvoll dabei. Und Jerry war heilfroh, dass er es tat.

Es hatte einige Kraft, Tricks und viel Mut gebraucht, um Jerry vom Feuer weg und aus seiner Rage herauszuführen. Wie ein Wunder hatten es die beiden geschafft sich in die Nacht davonzustehlen. Es war kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn sich die Bamberger sie auf der Flucht gestellt hätten. Sie hätten wahrscheinlich gar keinen langen Prozess mehr mit ihnen gemacht, sondern das schon lodernde Feuer genutzt, sich ihrer zu entledigen.

„Wahrscheinlich hätten wird das sogar verdient“, sagte Victor leise und starrte von der kleinen Anhöhe hinüber zu der Stadt, die im Morgengrauen rauchte.

Von seinem Platz hatte Victor einen guten Blick auf die Stadt und den Ort an dem gestern noch der Markt stattgefunden hatte. Nun war er nicht mehr als ein dunkler und qualmender Fleck im Zentrum der Stadt. Es grenzte an ein Wunder, dass das Feuer sich nur auf den Platz und die kleinen Hütten dort beschränkt hatte und nicht auf die Häuser ringsherum übergesprungen war. Es wäre wahrscheinlich das Todesurteil für die gesamte Stadt gewesen.
Bevor Victor sich weiter Gedanken machen konnte, merkte er, wie sich Jerry neben ihm regte.

„Oh“, stöhnte der Koloss.

„Oh?“, fragte Victor.

„Au“, gab Jerry von sich.

„Was ist los?“, fragte Victor und sah Jerry dabei zu, wie er sich langsam aufrichtete, noch behäbiger und ungelenker als er es sonst schon tat. Er hielt eine Hand an den Kopf.

„Ich habe Schmerzen“, stöhnte Jerry.

„Du hast Schmerzen?“, fragte Victor und war über die Erkenntnis geradezu verwundert, schließlich hatte Jerry bei den meisten der Untersuchungen und Experiemente zu seinem Schmerzempfinden kaum mit der Wimper gezuckt. Andererseits war Victor irgendwann auch davor zurückgeschreckt seinen Schützling noch stärker zu malträtieren. Er wollte ihn schließlich nicht ernsthaft verletzen, sondern nur die Widerstandsfähigkeit seiner Schöpfung ergründen. Und, das stand eindeutig fest, Jerry war äußerst widerstandsfähig.

„Mein Kopf“, stöhnte Jerry. „Diese Schmerzen.“

Zu gerne hätte Victor Jerry dazu weiter befragt, fand aber dann dass es vielleicht keine so kluge Idee war, die Geduld des vom Katharr Geplagten zu strapazieren. Stattdessen griff Victor in seine Manteltasche und holte die Flasche Wein hervor, die er aus dem Speisezimmer der Knorrhahns hatte mitgehen lassen.

Mit geübten Griffen entkorkte er die Flasche, nahm zuerst selbst einen Schluck, um sich davon zu überzeugen nicht etwas falsches gegriffen zu haben und reichte sie dann zu seiner rechten.

„Wein?“, fragte Jerry. „Was soll ich mit … aua. Mein Kopf. Diese Schmerzen.“

„Genau dafür“, sagte Victor, der sich eine kleines schadenfreudiges Lächeln nicht ganz verkneifen konnte.

Jerry nahm die Flasche entgegen. Er roch kurz an der Öffnung und schaute dann Victor nochmals unsicher an.

„Stellt dich nicht so an“, sagte dieser und deutete mit seinen Händen an, dass Jerry nun doch trinken solle. „Gestern hast du dich nicht so geziert, als es darum ging, Wein zu trinken.“

Jerry grunzte. Ob vor Schmerz oder in der Missbilligung darüber an den vorherigen Abend erinnert zu werden, konnte Victor nicht entschlüsseln.

Jerry nahm einen Schluck und zeigte Victor eine verzogene Fratze.
Victor konnte über den müden Versuch seines Schützlings einen Witz zu machen nur die Schultern zucken. Schauspielern, das lag Jerry eindeutig nicht. Er konnte sich einfach nicht verstellen. Das musste Victor genauso akzeptieren, wie der Rest der Gesellschaft und, ja, vielleicht auch Jerry selbst.

„Willst du darüber reden, was gestern passiert ist?“, fragte Victor nach einer Weile in der sie still dagesessen hatten, die rauchende Stadt betrachteten und sich in regelmäßigen Abständen die langsam aber sicher immer leerer werdende Flasche hin und her reichten. Der Tag war schon ein ganzes Stück heller geworden, bevor sich Victor getraut hatte zu sprechen.

Jerry ließ sich fast ebenso viel Zeit, wie Victor sie gebraucht hatte, bevor er die Frage stellte.

„Irgendwann weiß ich gar nicht mehr, was passiert ist“, sagte Jerry und Victor glaubte Scham und Trauer in der Stimme zu hören, wobei auch ein wenig Stolz und Interesse an der erlebten Erfahrung mitschwangen.

„Woran kannst du dich denn noch erinnern? Was ist das letzte, was du im Kopf hast?“, fragte Victor.

„Ich weiß es nicht“, raunte Jerry. „Wir waren noch beim Essen. Du hast Wein getrunken. Ich habe Wein getrunken und alle haben sich daneben benommen.“

„Weißt du warum, sie das getan haben?“, fragte Victor. Vielleicht war Jerry ja mehr bewusst, als er angenommen hatte. Auch er sah nur diese trübe und manchmal dumm und behäbig wirkende Schale. Was Jerry aber im wirklichen Innern war – das hatte Victor selbst noch nicht herausbekommen. Jerry aber vielleicht auch noch gar nicht.

„Ich glaube sie wollten, dass ich mich wohl fühle“, sagte Jerry nach einer Bedenkzeit.

„Und? Hast du dich wohlgefühlt?“, fragte Victor.

„Nein“, sagte Jerry. Die Antwort kam schnell und schien ihn selbst ein wenig zu überraschen, denn es folgte wieder eine längere Stille, bevor er sich entschloss weiterzureden.

Es gab Victor die Zeit und Gelegenheit seinen Schützling nochmals zu betrachten. Dieses große Wesen, das so ungetüm und manchmal wild daherkam. Er wirkte doch so verletzlich, wie er mit händenden Schultern und einer fast leeren Flasche Wein in der Hand am Hang saß und auf die Stadt hinausblickte.

„Ich meine“, hob Jerry an, „sie waren ja alle nett. Die meisten. Vor allem Roswitha.“

„Ja!“, pflichtete Jerry bei und schwelgte für einen Hauch eines Moments in der Erinnerung an die Frau des Magistraten, die ihnen ihre Haus geöffnet hatte.

„Der Kirchenmann war nicht so nett.“

Auch hier konnte Victor nur still beipflichten.

„Aber sie haben sich auch so viel Mühe gegeben. Es war zu viel. Ich war so unsicher und dann haben sie so getan, als sei das alles in Ordnung, was ich tue. Aber selbst ich weiß ja, dass es falsch ist.“
Victor nickte. „Deshalb haben wir ja auch trainiert.“

„Es war nicht richtig. Es hat sich so falsch angefühlt.“

„Falsch?“, fragte Victor, obwohl es gar nicht nach einer Frage klingen sollte.

„Sie waren falsch.“

„Hm“, machte Victor.

„Hm“, machte Jerry.

Victor wollte, dass Jerry weitersprach. Selten hatte Jerry so viel aus seinem Innern preisgegeben. Aus diesem unsichtbaren Kern, der hinter dieser Schale saß. Doch, er konnte auch spüren, dass in Jerry noch mehr vorging. Er konnte es vielleicht noch gar nicht verstehen. Geschweige denn in Worte artikulieren – etwas was Jerry ohnehin immer schon schwer gefallen war. Victor fragte sich, ob in der ganzen Zeit, in der er als Jerrys Beschützer, Vormund und Übersetzer zur zivilisierten Welt für in eingestanden war, ihm nicht auch einen Teil seines Wesens und seiner Freiheit genommen hatte.

„Weißt du, wann ich mich das erste Mal richtig wohl gefühlt habe?“, fragte Jerry – er schien lange über die Frage nachgedacht zu haben. Er stellte sie wie beiläufig. Wohl wissend, dass nur er die Antwort mit bestimmter Sicherheit wusste. Victor hingegen war so von der Frage überrascht, dass ihm keine brauchbare Antwort einfallen wollte. Er musste auch gar nicht antworten, dennn Jerry sprach einfach weiter.

„Bei den Kindern.“

„Bei den Kindern?“, fragte Victor und war über die Antwort nun mehr überrascht, als über die vorherige rhetorische Finte – noch etwas, was er Jerry nicht zugetraut hätte. Noch nicht. Er hatte erwartet, dass noch Jahres des Trainings und der Erziehung nötig gewesen wären, um Jerry zu so intelligenten Aussagen zu bekommen.

„Beim Markt. Als ich weggelaufen bin.“

„Ja, die Kinder“, erinnerte sich Victor und war sich direkt schon wieder unsicher, was Jerry genau meinte. Er selbst erinnerte sich an seine Angst, dass sein Schützling den Kleinen etwas hätte antun können. Bei Jerry konnte selbst er nicht genau wissen, was er als nächstes tat.

„Sie…“

Stille.

„Du Vic, weißt du eigentlich, warum ich den Kindern nichts getan habe?“, fragte Jerry in das Glitzern der Morgenröte – wobei es auch der Schein der in Flammen stehenden Stadt sein könnte, dachte Victor. Aber eigentlich spielte es auch keine Rolle. Es war ein tolles Licht und gab Jerry und der Szenerie etwas romantisches.

„Den Kindern?“ , fragte Victor.

„Ja – auf dem Markt.“

Victor erinnerte sich.

„Ich erinnere mich. Du warst friedlich zu ihnen. Ich hatte schon Sorge, dass du ihnen etwas antun würdest.“

„Den Kindern?“, Jerry sprach in deiner üblichen monotonen und einfältigen Stimme – Victor konnte aber den unscheibaren Ausbruch an Emotion als echte Entrüstung bemerken. „Niemals. Ich würde den Kindern niemals etwas antun. Das meine ich ja. Weißt du warum das so ist?“

Victor dachte einen Moment nach. Er konnte keine wissenschaftlich sinnvolle Erklärung dazu liefern, warum sich Jerry genau so verhielt. Sie hatten schon so oft darüber gesprochen. Situationen und Szenarien durchgespielt, damit Jerry Strategien zu Bewältigung seiner Wut anwenden konnte.

„Ich weiß es nicht, Jerry“, antwortete Victor. „Ohne eine weitere Untersuchung oder ein echtes wissenschaftliches Experiment, kann ich dir da keine Antwort geben.“

„Nein, nein. Das meine ich nicht“, sagte Jerry. „Ich weiß warum das so ist.“

Victor erschrak, denn er stellte fest, dass es wahrscheinlich das erste Mal war, dass Jerry ihm eine rhetorische Frage gestellt hatte. In Wahrheit geschah das zwar ständig, nur Jerry hatte es zum ersten Mal geschafft, dass Victor ihm auch wirklich zuhörte.

„Was ist es Jerry?“, fragte Victor, nachdem sein Schützling für eine Weile nicht weitergesprochen hatte.

„Sie haben mich als Mensch akzeptiert.“

Victor hatte mir allem gerechnet, außer mit dieser Antwort. Um diesen weiteren Schock der Erkenntnis zu verarbeiten musste er sich kurz schütteln.

„Aber Jerry,“ sagte Victor in seinem üblichen wohlwollend belehrenden Ton, als er sich wieder ein wenig gefangen hatte. „Das haben doch heute alle getan. Sie haben dich als Mensch wahrgenommen und geschätzt.“

„Nein“, erwiderte Jerry. „Das glaube ich nicht. Sie haben mich Monster genannt. Ungetüm. Und sie hatten Angst vor mir.“

„Wer?“, fragte Victor mit einer Entrüstung die er nun ehrlich und echt in sich fühlte.

„Die Menschen bei dem Abendessen zum Beispiel.“

„Niemals.“

„Doch“, darauf bestand Jerry. „Na gut“, schob er dann aber hinterher. „Vielleicht haben sie es nicht so gesagt – aber gemeint. Aber dafür haben die Menschen auf dem Markt mich ein Monster genannt.“

„Nein“, sagte Victor in dem Gedanken, er könnte es vielleicht doch noch ein wenig herunterspielen, damit sich Jerry nicht ganz so sehr abgelehnt fühlte. Dann aber musste er es eingestehen. „Doch, gut. Beim Markt. Ich glaube da ist was dran. Die Leute da waren nun wirklich nicht so gut zu sprechen, nachdem du ihre Hütten plattgewalzt hast.“

„Das waren sie auch davor schon nicht.“

Victor nickte. Er erinnerte sich an die Situation. Er hatte das Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Schließlich war er es in seinem Stolz gewesen, der Jerry dazu angestachelt hatte, wie ein Beserker über den Platz zu stürmen. Gerade als er Luft holte um zu sprechen, unterbrach ihn der Schützling auch schon wieder.

„Du und die Kinder. Und vielleicht die Witwe Bolthe. Ihr seid die einzigen, die mich so sehen und akzeptieren.“

„Als Mensch?“

„Nein“, sagte Jerry. „Sieh mich an. Ich kann kein Mensch sein. Du hast mich geschaffen. Ich werde niemals ein Mensch sein – das habe ich gelernt heute. Aber ihr macht etwas anderes.“

„So?“, fragte Victor.

„Ihr akzeptiert mich als der, der ich bin.“

„Und was ist das?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Jerry. „Auf jeden Fall kein Mensch.“

Nun hatte es Victor auch verstanden. Er sagte: „Das kann sein.“ Mehr fiel ihm nicht ein und er konnte nur noch zustimmend nicken.

„Ich glaube es ist nicht nur das“, sagte Victor nach einer Weile in der sie den immernoch knisternden Flammen der Stadt zugesehen hatten. „Ich glaube auch, dass du wirklich viel Spaß mit ihnen hattest. Ich habe gesehen, wie du dich gefreut hast. Auch deshalb hast du ihnen nichts getan.“

Das hatte Jerry auch verstanden. „Das kann sein“, sagte er und nickte.

„Meinst du, das ist bei anderen Kindern auch so? Dass ich mich bei ihnen so gut beherrschen kann?“

„Weiß ich nicht. Das müssten wir vielleicht einmal ausprobieren. Einen wissenschaftlichen Versuch könnte man mein“, sagte Victor. Für einen Moment sagten sie nichts. Dann stand Victor auf und richtete seine Jacke.

„Komm, Jerry“, sagte er. „Wir haben hier nichts mehr zu tun.“

„Wohin gehen wir, Vic?“, fragte Jerry, als er sich erhob.

„Wir gehen uns ein paar Kinder suchen.“