Vic & Jerry – Kapitel 1 – Die Einladung

„Der Magistrat der Stadt Bamberg, Egon Knorrhahn, hat die Ehre Dr. Victor Frankenstein, nebst Begleitung, zum Dîner am kommenden Sonnabend einzuladen.“

Die Einladungskarte war so schmucklos wie präzise. Kein unnötiger Schnick-Schnack und kein wichtigtuerisches Brimborium. So etwas gefiel Victor sehr. Er mochte es, wenn Dinge pragmatisch angegangen wurden. Er freute sich sehr über die Einladung. Wenngleich er doch etwas skeptisch war. Erstens war eine so schmucklose Einladung für einen Mann von der Stellung, wie der Magistrat sie inne hatte doch eher untypisch. Zweitens hatte Victor bei den wenigen Begegnungen, die er mit dem Magistrat erlebt hatte nicht den Eindruck gehabt, dass er Victor sonderlich aufgeschlossen gegenüber war. Die letzten Gespräche, wenn man den knappen Austausch zwischen den beiden Herren überhaupt als Gespräch bezeichnen konnte, waren eher kühl und distanziert gewesen. So überraschte es Victor, dass der Magistrat überhaupt in Erwägung zog, ihn zum Abendessen einzuladen – noch dazu mit Begleitung. Und je mehr Victor darüber nachdachte, desto eher glaubte er, dass es wohl die Frau des Magistrats, Roswitha Knorrhahn, gewesen sein musste, die ihren Mann dazu bewegt hatte Victor einzuladen. Und in der Tat fand Victor in dem Umschlag, in dem er die Einladungskarte erhalten hatte ein Brief beigelegt. Geschrieben auf edlem Papier, in feiner Handschrift mit dünner Feder:

„Lieber Dr. Frankenstein, Wir würden uns außerordentlich freuen, wenn Sie es einrichten können, uns zum Abendessen zu beehren. Ich würde mich besonders freuen, wenn Sie, lieber Victor, ihren charmanten Freund Jerry als Begleitung mitbrächten. Es wäre uns eine größte Ehre. Ohne Ihre und Jerrys Anwesenheit wäre die Gesellschaft des Abend in keinem Fall vollständig. Hochachtungsvoll und in freudige Erwartung, Ihre Roswitha Knorrhahn.“

Damit war alles klar. Eigentlich ging es gar nicht so sehr darum, dass Victor an der Abendgesellschaft teilnahm. Es ging eigentlich nur um Jerry. Wieder fühlte sich Victor einerseits enttäuscht darüber, dass die Einladung in erster Linie gar nicht ihm galt. Andererseits freute er sich, dass er nun doch die gesellschaftliche Bestätigung für seine Arbeit erhalten sollte, die er sich schon so lange erhofft hatte. Es war das erste Mal, dass er gemeinsam mit Jerry eingeladen war. Es war das erste Mal, dass er überhaupt eingeladen war, seit… Victor dachte nach.

Ja, es war die erste Einladung seit er Jerry erschaffen und danach die Ereignisse eine eher unglückliche Wendung genommen hatten. Seit er Jerry, im wohl bahnbrechendsten aller fortschrittlich-wissenschaftlichen Experimente, zum Leben erweckt hatte waren fast drei Jahre vergangen. Die meisten seiner damaligen Bekannten lebten entweder nicht mehr, hatten das Weite gesucht oder auf anderen Wege jedweden Kontakt unterbrochen. Hinzukam, das Victor sehr klar und unmissverständlich mitgeteilt worden war, dass seine oder Jerrys Anwesenheit in Genf weder gewünscht noch geduldet war. Zuerst hatte Victor sich missverstanden gefühlt. Gekränkt und zu unrecht ausgestoßen. Als er sich dann aber, nach seiner Rückkehr, der Ereignisse und Erlebnisse besann, konnte er immer besser nachvollziehen welche Unruhe und Sorge sein Experiment denn wirklich in der Gemeinde hervorgerufen und verursacht hatte.

Nach der Versöhnung mit Jerry war ihnen dann also nichts anderes mehr übrig geblieben, als gemeinsam einen Neustart in einer neuen Stadt zu versuchen.

Auch dazu hatte es mehrere Umzüge und Versuche gebraucht, bis es ihnen endlich gelungen war, in Bamberg Fuß zu fassen. Victor war die Nähe zur dortigen Universität wichtig, schließlich hoffte er insgeheim dort vielleicht schon bald die wissenschaftliche Anerkennung zu finden, die er sich so sehnlich wünschte. Und für Jerry war es gut, in einer großen Stadt zu wohnen, in der er aufgrund seines Aussehens und Verhaltens vielleicht etwas weniger auffiel.

Endlich, dachte Victor. Endlich war die Zeit gekommen.
Endlich würde er, Dr. Victor Frankenstein die Anerkennung bekommen, die seine Arbeit verdiente. Endlich würde die Menschheit lernen und verstehen, welch ein verkanntes Genie er doch eigentlich war. Endlich würden auch die Stadt und die Universität verstehen, was für ein talentierter und weitsichtiger Wissenschaftler und Innovator unter ihnen weilte. Und endlich, endlich, endlich würde er dank all des Ruhms, dank aller Ehren und Anerkennung zu dem Reichtum zu kommen, den es brauchte, um die Mietschulden bei seiner Vermieterin zu bezahlen.

Die Witwe Bolthe, die ihm und Jerry gnädig gestimmt war, hatte ihm, gegen das Versprechen einer angemessenen Miete, zunächst ein Zimmer ihres großen Hauses zugesprochen. Da Jerry aber bald auch ein eigenes Zimmer für sich hatte haben wollen und Victor für seine Arbeit ein entsprechendes Büro benötigte, hatten sie immer mehr Zimmer angemietet. Hinzu waren dann noch der Stall, die Werkstatt und auch noch Räume der Hauswirtschaft gekommen, sodass nach nicht einmal acht Wochen die Witwe Bolthe in ihrem eigenen Haus nur noch die eigene Kammer und die Stube bewohnte, die sie sich zudem noch mit ihren beiden Mietern teilte.

Auf die fürstliche Miete, die ihr der Doktor und sein merkwürdiger Freund und Gehilfe versprochen hatten, wartete sie nun schon eine Weile.

„Aber ein so ehrbarer und angesehener Doktor und Wissenschaftler wie Sie, genießt natürlich einen gewissen Kredit“, pflegte sie immer zu sagen, wenn sie beim gemeinsamen Morgenkaffee sich täglich danach erkundigte, wann der Doktor denn wohl seine Anstellung bei der Universität anträte, wie es der Doktor bei seinem Einzug versprochen hatte.

Voller aufrichtiger Dankbarkeit über den Kredit und Aufschub der Mietzahlungen pflegte Victor zu antworten: „Nur bis ich die Stelle bei der Universität antreten kann.“

Für lange Zeit hatte Victor es auch wirklich ernst gemeint und auch versucht, als aufrichtiger Doktor und Wissenschaftler in den Dienst der Universität zu gelangen.

„Vielleicht“, so hatte er es Jerry und der Witwe Bolthe erzählt. „Vielleicht macht man mich ja auch dann bald schon zum Professor.“

Und dann, so war sein kleiner träumerischer Plan gewesen, würde er der Witwe nicht nur die ausstehenden Mieten zurückzahlen. Nein, dann würde er direkt das ganze Haus kaufen und der Witwe erlauben, auf Lebenszeit in ihrer Kammer und der Stube zu wohnen. Dann wären sie alle glücklich. Dann wäre das Leben vollkommen und gut.

Doch leider, leider, das musste Victor mit schwerem Herzen erkennen, waren die Herren Gelehrten an der Universität gar nicht so fortschrittlich und innovativ, wie es Victor sich erhofft hatte.

Nein, ganz im Gegenteil. Vorwürfe hatten sie ihm gemacht, einen Scharlatan genannt und trotz aller Beweise und Beteuerungen hinaus gejagt. Jerry oder der Witwe Bolthe hatte Victor freilich nichts davon erzählt. Zu schwer wäre die Nachricht für sie zu verkraften gewesen – jetzt, wo sie sich zu einer glücklichen Gemeinschaft zusammengefunden hatten. Und außerdem wollte Victor nicht erneut umziehen, seine Siebensachen packen und in ein kleineres Domizil wechseln, welches er sich wahrscheinlich ebenso wenig würde leisten können. Und ob ein neuer Vermieter so nachsichtig wäre, wie die graue Witwe war auch stark zu bezweifeln. Nun stand er also da. Mit dem Brief in seinen vor Freude zitternden Händen und rief nach Jerry.

„Jerry“ rief er, als der grobschlächtige Kerl mit der fahlen Haut und den rosa schimmernden Nähten den Kopf zur Tür in Victors Arbeitszimmer steckte. „Stell dir vor, wir sind eingeladen!“

Victor watete einen Moment, um seinem Freund und Schützling – er fand die Bezeichnung besser als von „seiner Schöpfung“ oder „der Kreatur“ zu sprechen – die Gelegenheit zu geben, die freudige Nachricht aufzunehmen, zu verarbeiten und nach einer angemessenen Reaktion zu suchen.

„Eingeladen?“, grummelte Jerry fast schon un­verständlich. „Was bedeutet das?“

Victor konnte seine Extase und seinen Enthusiasmus kann in Zaum halten: „Das bedeutet, dass wir dir einen schicken Anzug besorgen müssen. Und zwar schnell.“

„Einen Anzug?“, fragte Jerry.

Victor fiel es schwer, aus dem Gesichtsausdruck seines Schützlings zu ermitteln, ob er Schwierigkeiten hatte das Vorhaben der Anzugbeschaffung oder gar das Konzept eines Anzugs zu verstehen.

„Ja, ganz recht. Einen Anzug“, sagte Victor. „Du brauchst schließlich was zum anziehen.“

Jerry grunzte und nickte kurz.

„Aber, Vic.“

Victor hasste es, wenn Jerry ihn „Vic“ nannte. Es war nicht zu viel verlangt, auch nicht von Jerry, beim vollen Namen genannt zu werden. Victor war schließlich auch dazu übergegangen „Jerry“ zu sagen. Obwohl er Jerry auch gerne mit „Junior“ angesprochen hätte und das gelegentlich sogar tat.

„Ich habe doch etwas zum anziehen“, sagte Jerry und sah an sich herunter.

Victor schüttelte aber den Kopf mit skeptischer Miene, obwohl er ausgesprochen glücklich drüber war, dass Jerry das Konzept vom Kleidung weitgehend verstanden und verinnerlicht hatte.

„Ja, das meine ich aber nicht. Ich meine etwas richtiges!“

Jerrys Gesicht zeigte nun deutliche Zeichen maximaler Verwirrung

„Ist es nicht richtig, wie ich mich anziehe?“, murmelte der Riese leise, trat nun noch einen Schritt in Victors Arbeitszimmer hinein und überprüfte den Sitz seiner Kleidung. Besonderes Augenmerk legte Jerry dabei auf die Knöpfe seines Hemds, das er fast schon gewohnheitsmäßig schief zuknöpfte.

„Doch“, sagte Victor im Versuch Jerrys steigende Verunsicherung und Beunruhigung zu besänftigen.

„Es ist nur…“ Victor suchte nach den passenden Worten.

„Zu einer solch besonderen Einladung muss man auch etwas besonderes anziehen.“

„Achso“, sagte Jerry langsam, wobei Victor noch nicht vollends davon überzeugt war, dass er wirklich alles verstanden hatte.

Für einen Moment standen sie einander stumm gegenüber. Auf der einen Seite der zufrieden und glücklich lächelnde Victor. Auf der anderen der immer noch besorgt und unsicher dreinblickende Jerry. Beide wartend darauf, dass das Gegenüber sich als erstes aus dem Patt der gegenseitigen Erwartung löste.

„Gut, dann schlage ich vor, machen wir uns gleich auf den Weg“, sagte Victor und klatschte sich kurz in die Hände. „Ich muss hier nur noch schnell etwas fertig machen und dann können wir los. Geh ruhig, Jerry. Ich rufe dich, wenn ich so weit bin.“

Der hühnenhafte Jerry nickte stumm und wandte sich zum Gehen. Kurz vor der Tür drehte er sich aber nochmals um und fragte: „Ähm, Vic.. Wohin gehen wir?“

Victor, der in der Zwischenzeit nochmals Roswitha Knorrhahns Brief und die Einladungskarte ihres Mannes voller Verzünkung betrachtete, antwortete ohne von der Lektüre aufzusehen: „Einen Anzug kaufen, Jerry. Etwas besonderes zum Hauziehen.“

„Ja, Vic“, gab Jerry als grummelnde Antwort.

„Aber warum brauchen wir etwas Besonderes zum Anziehen?“

Victor blickte auf und sah in Jerrys Augen, die seinem Blick einen Ausdruck von tiefer Trauer und kindlicher Unschuld verliehen.
„Wir sind eingeladen. Am Sonnabend… zum Dîner.“

Sofort erkannte er, dass er das Konzept einer Abendgesellschaft zum „Dîner“ im Hause des Magistrats Knorrhahn würde erklären müssen und schickte schnell „Ein Abendessen.“ in Jerrys Richtung hinterher. Endlich zeigten Jerrys steife Lippen den Anflug eines unbeholfenen Lächelns.

„Abendessen“, sagte er und blickte für zwei Sekunden ins Leere. „Ich mag Abendessen. Du auch, Vic?“

Victor lächelte. Er mochte diese kindliche und fast schon unschuldige Seite an Jerry. Es gab für ihn noch so viel zu lernen, stellte Victor fest.

„Ja, Jerry. Ich mag auch Abendessen.Doch jetzt lass‘ mich hier noch meine Arbeit beenden, damit wir gleich heute noch in die Stadt kommen.“

Jerry grunzte und nickte, trat aus dem Zimmer und schloss die Tür. Durch das dicke Holz konnte Victor ihn noch sagen hören: „Ich mag Abendessen.“


Ein paar Stunden Später befanden sie sich wieder auf dem Weg zurück vom Schneider Heckmeck – so nannte Victer ihn, weil er sich beim besten Willen nie den richtigen Namen merken konnte.

Der Schneider Heckmeck war ein sehr spezielles Exemplar seiner Zunft. Die Qualität stimmte und war für die Preise die er verlangte geradezu herausragend, doch dafür mussten die Kunden einige sehr unfreundliche Bemerkungen, unflätige Kommentare und bei mancher Anprobe auch sehr gewollt gesetzte Nadelstiche über sich ergehen lassen. Victor war das alles sehr Recht, da es bedeutete, dass es seinen ohnehin schon klammen und chronisch unterbefüllten Geldbeutel nicht noch weiter belastete. Und außerdem war es auch Jerry, der das meiste Leid beim Maßnehmen und Anprobe würde erleiden müssen.

Für nur einen kleinen Moment hatte sich Victer besonders schuldig gefühlt, nämlich als sich der Schneider über Jerrys Körperform beschwerte.

„Ihr Körper ist total unförmig,“ hatte Heckmeck geschimpft. „Wie soll man da was ordentliches schneidern? Es ist als hätte irgendein unfähiger Metzger versucht mehrere Körper zu einem Zusammenzufügen.“

Victor hatte die Situation nur dadurch retten können, indem er den motzenden und mosernden Schneider beschwichtigenden Honig ums Maul geschmiert hatte.

„Sie haben völlig recht. Und genau deshalb sind wir ja zu ihnen gekommen. Denn wenn es jemand schafft, unserem Jerry einen Anzug auf den Leib zu schneiden, dann können nur Sie das sein. Habe ich nicht Recht, Jerry? Ich habe gesagt: ‚Nur der Schneider Heckmeck kann das!‘ Stimmt es nicht, Jerry?“

Und noch bevor der Schneider irgendetwas zu der Situation oder dem erfundenen Namen, den Victor ihm gegeben hatte etwas sagen konnte, fügte er an: „Was wird es wohl kosten, bis Samstag fertig zu sein?“

Die Frage nach Geld, Zeit und Leistung hatte zusammen mit weiteren Schmeicheleien den Schneider schließlich besänftigt und davon abgelenkt, dass er gerade dabei gewesen war den Auftrag auf Grund von Jerrys Körperform abzulehnen.

Die folgenden Verhandlungen waren allerdings zäh, denn Victors Anspruch an Qualität und Preis waren nur schwer mit den Vorstellungen zu Preis und Zeit, die der Schneider als Argument anführte über eins zu bringen. Geeinigt hatten sie sich am Ende dennoch. Es würde bis Samstag kein ganzer Anzug fertig werden. Ganz bestimmt keine Hose – so viel stand fest. Über Strümpfe und Schuhe hatten sie gar nicht erst begonnen zu sprechen. Eine Weste oder ein Hemd würden mit den geltenden Rahmenbedinungen wohl auch nicht realisiert werden können. Und ob das zum Ende verabredete Jackett, bei denn Vorgaben an Budget und Zeit auch Victors Ansprüchen an Qualität entspräche, würde sich wahrscheinlich erst bei Lieferung zeigen. Und dann wäre ohnehin alles zu spät, um noch in irgendeiner Form Anpassungen vorzunehmen.

Victor wollte, nein, er konnte nicht verzagen. Sein Optimismus war und blieb ungebrochen. Auch der auf dem Heimweg neben ihm trottende Jerry konnte daran nichts ändern. Auch wenn sein emotionales Spektrum eher limitiert war und sich häufig nur von apathischem Dreinblicken bis zur gelangweilten Lethargie erstreckte, wusste Victor sehr gut, dass sein Schützling auch eine sehr wilde und dazu gewaltige Seite hatte. Eine Seite, die sie zudem beide versuchten nicht zum Vorschein kommen zu lassen, stellte sie doch für Mensch und Natur eine regelrechte Gefahr dar. So war Jerry, auch wenn er streng genommen ein künstlich geschaffenen Wesen war, eine absolute Naturgewalt. Eine Naturgewalt, in der zwischen den Extremen sich sehr viele kleine Nuancen versteckten.
Und so war Victor sehr bewusst wie viel Zweifel in seiner Begleitung steckten.

Jerry hatte die Anprobe und das Ausmessen über sich ergehen lassen. Die Blicke die Jerry ihm aber zugesandt hatte, während der Heckmeck um ihn herum gesprungen war, hatten ein Leiden und den Zweifel am Sinn und Ergebnis des gemeinsamen Vorhabens gezeigt. Umso mehr legte sich Victor ins Zeug, seinen Schützling zu überzeugen.

„Na, das ist doch super gelaufen!“, trätterte Victor. „Das wird ein voller Erfolg. Sie werden begeistert sein. Das Verspreche ich dich, Jerry. Wenn der Magistrat dich erstmal kennengelernt hat und wir in ihm einen wohlwollenden Fürsprecher gefunden haben, dann stehen uns die Türen der Welt offen!“

Jerry gab keinen Ton von sich. Stur und teilnahmslos trottete er neben Victor her.

Victor entschied sich, dass er Jerrys Kooperation, wenn auch widerwillig, als Zeichen des Optimismus und guter Laune interpretieren wollte. Er jedenfalls wollte sich, komme was wolle und auf gar keinen Fall von diesem positiven Ausblick ablenken lassen.

Als sie zu Hause ankamen empfing sie die Witwe Bolthe mit großer Neugier.

„Und, junger Mann, haben sie sich und ihren Freund neu eingekleidet?“, fragte sie wie die Heimkehrer in die Stube traten.
Victor streifte sich die Schuhe ab, schmiss seine Jacke über die Lehne des Stuhls und ließ sich mit ausgestreckten Gliedmaßen auf die Sitzfläche plumpsen. Jerry verharrte neben der Tür, nachdem er sie auf umständlich vorsichtige Weise hinter sich geschlossen hatte.
Es war ein Fortschritt, fand Victor. Weg von seiner frühen Angewohnheit, das Türblatt so in den Rahmen zu schmettern, dass die Dachziegel noch über Stunden schepperten.

„Naja, wir bekommen für Jerry wenigstens eine neue Jacke“, bestätigte Victor. „Das ist die Hauptsache. Meine Garderobe ist schließlich gut gefüllt.“

Nur er allein wusste, dass dies eine Lüge war, denn er selbst besaß nur genau einen Anzug und auch der war schon dabei sich an den Nähten aufzulösen. Für das Abendessen in feiner Gesellschaft musste es aber reichen, wenngleich er schon gehofft hatte, dass sich der Schneider auf ein kleines Kreditgeschäft einlassen würde.

„Werte Frau Bolthe, was halten sie von einem kleinen Mittagessen?“, fragte Victor ehe sich seine vergnügliche und optimistische Stimmung ins Gegenteil kehren wollten. „Vielleicht etwas von ihrem vorzüglichen eingelegten Kohl! Oder hätten Sie noch einen anderen Vorschlag?“

Victor wusste, dass das selbstgemachte Sauerkraut der Dame das einzige halbwegs genießbare Lebensmittel im Bolthe’schen Haushalt darstellte. Ganz abgesehen davon, dass die karge Speise­kammer nicht viel mehr enthielt als das große Fass aus dem die Bothe mit regelmäßiger Beharrlichkeit große Kellen fermentiertes Gemüse herausschöpfte. Und Victor fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis sie den Boden des Behälters erreichen würden und alsdann gar keine feste Nahrung seinen Speiseplan bestimmen würde.

Während sich die Witwe vergnüglich summend in der Küche zu schaffen machte, dachte Victor darüber nach, wie willkommen die Abwechslung am kommenden Sonnabend sein würde. Er würde nach langer Zeit endlich wieder eine Kost zu essen bekommen, die wahrscheinlich nicht vergoren war. Vielleicht gäbe es sogar ein Stück Fleisch. Oder gar zwei. Feine Herrschaften wie der Magistrat und seine angetraute Roswitha würden solche Entbehrungen nicht kennen, an die sich Victor hatte gewöhnen müssen.

Jerry schienen solche Gedanken nicht zu kümmern, stellte Victor fest. Er beobachtete seinen Schützling dabei, wie er mit gedankenabwesenden Blick den Zeigefinger immer tiefer, erst in das rechte und anschließend in das linke Nasenloch steckte um zwischen den Bohrvorgängen das Ergebnis der Schatzsuche mit der Zunge abzulecken. Victor fragte sich, was wohl die vorherigen Besitzer von Nase, Finger und Zunge zu dem Vorgang sagen würden. Andererseits konnte es ihnen auch egal sein, schließlich waren sie tot und ihre Körperteile zu einer unheimlichen Melange verwoben, die nun auf den Namen Jerry hörte.

„Jerry“, raunte Victor. „Lass das.“