Victor seufzte und stöhnte vor Erleichterung, als die Anspannung, die er für eine Ewigkeit in sich gehalten hatte aus seinem Körper schied. Er wusste nicht, wie lang er die Last und die kurz vor dem Bersten stehende Spannung ausgehalten und ignoriert hatte. Voller Dankbarkeit genoss er aber das erlösende Gefühl mit dem sich der Druck abbaute und sich seine Blase entleerte.
Mit einem Mal wurde er sich selbst darüber bewusst, dass er gerade dabei war seine Notdruft zu verrichten – und schon trat die Panik ein, als er dachte er würde sich selbst einnässen. Dem war aber nicht so, wie sein plötzlich klarer Verstand ihm vermittelte. Er stand gegenüber einer dunklen Wand und pinkelte dagegen.
Da sein Entleerungsvorgang noch andauerte und Victor überrascht war, sich gegenüber eine Mauer zu finden, blickte er sich nach rechts und links um.
Das letzte, an das er sich erinnern konnte war, wie er den Speisesaal von Magistrat Knorrhahn verlassen hatte, um in den Garten zu treten. Auf dem Weg dorthin muss er irgendwie das Bewusstsein verloren haben, um dann an dem Ort zu landen wo er nun stand. Es war Nacht und dunkel und somit hatte Victor kein Indiz oder Inidkator dazu, wie viel Zeit wohl seit dem vergangen war.
Nach dem verrichteten Geschäft ordnete er seine Kleidung und drehte sich um. Sein Gleichgewicht konnte er gerade so halten, fühlte sich aber nicht wirklich sicher auf den eigenen Beinen.
Nun da er sein Bedürfnis nach Erleichtung erfüllt hatte, dachte er, sei es an der Zeit sich zu orientieren. Nach Boden und Wand zu urteilen, befand er sich nicht mehr im Garten der Familie Knorrhahn. Die Pflastersteine, Lichtverhältnisse und Enge der Gasse wiesen sogar darauf hin, dass er sich auf gar nicht mehr in dem Stadtteil befand, in dem der Magsitrat residierte.
Langsam ging Victor in die Richtung, aus der mehr Licht in die Gasse fiel. Sein Gleichgewicht konnte er zwar halten und auch Schritte in einer halbwegs geraden Linie tun – wirklich sicher bewegte er sich aber nicht, was wiederum an dem erbärmlichen Zustand der mit unzureichender Qualität verbauten Pflastersteine liegen mochte.
Als er aus der Gasse heraustrat, wurde sich Victor eines roten Leuchten in der Ferne bewusst, das weite Teile der Stadt zu erhellen schien. Außerdem waren die Straßen und Häuser die er sehen konnte in einen eigenartigen Nebel gehüllt, den seine Nase nach einigem Schnuppern als Feuerrauch identifizierte.
Irgendwo brannte es anscheinend – und das nicht zu knapp.
Der Gedanke an ein Feuer ließ sofort ein sehr ungutes Gefühl in Victor aufsteigen – in einer großen Stadt wie dieser, konnte ein Feuer schließlich verheerende Folgen haben. Vielleicht, dachte Victor, versuchte aber auch sein Verstand ihm ein Schnippchen zu schlagen. Eine Revanche für die hohen Anforderungen, die er an seinen Körper gestellt hatte, indem er abscheulichen Spargel mit Unmengen vorzüglichen Weins heruntergespült hatte.
Victor spürte, wie die Neugier darüber stieg, wo es brannte und was geschehen war und damit die Müdigkeit und Schmerzen und sein allgemeines Unwohlsein in den Hintergrund drängten. In gewisser Weise haute es ihm neue Kraft und Leben ein, um sich zu bewegen.
In der Dunkelheit brauchte er einen Moment, um sich zu orientieren. Er kannte sich in der Stadt zwar grundsätzlich ganz gut aus, aber einige der Nachbarschaften – besonders die in der er sich aktuell befand – waren ihm dennoch eher fremd. Er versuchte sich den Straßen an der Topologie, dem Auf und Ab der Wege zu orientieren und so herauszufinden, wo er genau war. Wäre er nüchtern, dachte er für einen Moment, würde das mit Sicherheit kein Problem darstellen. Aber so, da der Effekt des Alkohols sich zwar abgemildert aber immernoch spürbar war, kam ihm sein für gewöhnlich guter Orientierungssinn kaum zugute.
Er musste nicht weit gehen, um herauszufinden wo er war. Nur ein paar Straßen weiter hatte er einen guten Blick auf die Stadt und das Feuer, das unweit der Nachbarschaft wütete, in dem auch die Familie Knorrhahn wohnte.
Victor drängte seine Fragen und Gedanken fort, die sich damit beschäftigten, wie er in desen anderen Teil der Stadt gekommen war und wie lange es her war, dass er die Abendgesellschaft des Magistrats verlassen hatte. Es brannte in der Stadt – das musste einen Grund haben. Victor hoffte, dass Jerry nicht der Grund für die Unruhe in der Stadt war. Hoffung war in dieser Situation das Einzige, was ihm blieb.
Victor kam dem Brand immer näher und je näher er kam, desto mehr Menschen begegneten ihm, die in den unterschiedlichen Stadien der Aufregung in die eine oder andere Richtung liefen. Doch anstatt sich dem Brandherd zuzuwenden, der zum Zentrum der Stadt hin lag und wo ganz sicher Hilfe gebraucht wurde, entschied sich Victor in die andere Richtung zu gehen. Zum Haus des Magistrats.
Menschen liefen ihm mit Hast und Eile entgegen, andere überholten ihn, doch Victor ließ sich weder von seinem Kurs abbringen, noch zum schnelleren Gehen antreiben. Wenn das stimmte, was er befürchtete, dann machte es keinen Unterschied, ob er nun schnell oder langsam ging. Und da der Abend schon sehr anstrengend für ihn gewesen war, entschied er sich dafür, langsam zu gehen.
Nach einer Weile erreichte er wieder das Haus des Magistrats Knorrhahn. Hier, etwas abseits von den Hauptverkehrswegen gelegen, war kaum etwas von der Aufregung zu merken, die sich in der Stadt ereignete. Und auch das Haus lag noch genauso idyllisch ruhig und friedlich in dem kleinen Park, in den Victor und Jerry zu Beginn des Abends spaziert waren.
Für einen Moment dachte Victor darüber nach, ob es Sinn ergab, den großen Türklopfer an der Haustür zu betätigen. Dann entschied er sich aber dagegen – wahrscheinlich würde der hochnäsige Diener öffnen und ihn fortjagen. Victor fand es besser und angenehmer, zu versuchen über die Gartentür ins Haus zu gelangen.
Er ging um die Ecke, die Seite des Hauses entlang und hatte es schon fast bis zur rückwärtigen Tür geschafft, da machte er eine Entdeckung. Das Fenster, hinter dem im Hoch-Parterre der Speisesaal lag, fehlte. Die Scheiben waren aus dem Rahmen gebrochen. Scherben und Holzsplitter lagen im Gras und Teile eines Vorhangs wehten nach draußen.
„Oh!“, sagte Victor leise – es war keine echte Überraschung. Er hatte es ja schon geahnt. Nun, da er aber die Gewissheit hatte, fiel ihm nichts anderes ein. Für einen Moment hielt er inne. Er seufzte kurz und ging dann weiter ums Haus.
Auf der Terrasse angekommen, konnte Victor durch die Fenster und die Gartentür einen Blick ins Innere werfen. In einigen der Zimmern und Flure brannte noch Licht, aber weder von der Tischgesellschaft noch von den Dienern war jemand zu sehen. Victor war das ganz recht. Er schlüpfte durch die Gartentür und schlich auf Zehenspitzen zügig bis in den Speisesaal. Für eine Sekunde blieb er im Türrahmen stehen und schüttelte mit dem Kopf. Es war ein reines Schlachtfeld. An den Wänden, auf dem Boden und sogar an der Decke klebten Reste des Essens. Stühle waren umgestoßen, das Tischtuch hing nur noch mit einer Ecke auf dem Tisch und einige der Vasen, in denen so schöne Blumengebinde gestanden hatten, lagen zerbrochen auf der Seite.
Verstreut im Raum sah er Bestecke, Teller und Gläser.
Es dauerte nur wenige Sekunden, da hatte er gefunden was er suchte. Mit leichtem Stolz und etwas Genugtuung hob er seine Hände nach oben und sah auf die Etiketten. Links hielt er eine Flasche Bordeaux, rechts eine Flasche Sauternes. Es war eine wilde Mischung, würde aber hoffentlich den Zweck erfüllen.
Victor glaubte zu hören, wie sich Schritte näherten. Den Gedanken, sich ein Versteck im Raum zu suchen verwarf er sofort und entschied sich dazu den Weg zu nehmen, den anscheinend auch ein Teil der Abendgesellschaft genommen hatte.
Etwas unsanft landete er auf der Wiese vor dem Fenster, genau an der Stelle an der er nur wenige Minuten zuvor verwundert hinauf geblickt hatte. Für ein paar Sekunden verharrte er, kontemplierte darüber, welchen anderen Ausgang der Abend wohl hätte nehmen können und zuckte mit den Schultern, als er zu der Erkenntnis kam, dass alles Nachdenken und sich Sorgen machen keine Sinn ergaben. Das Einzige, was jetzt noch zählte war Jerry zu finden.
Mit dem Haus des Magistrats im Rücken ging Victor in Richtung des Feuers. Nun war es gar keine Schwierigkeit mehr für ihn sich zu orientieren. Er war den Weg schließlich vor kaum mehr als fünf Minuten gekommen. Auch die Kreuzung, an der der aus der Gasse herausgekommen war hatte er schnell wieder gefunden. Während er dem Feuerschein am Himmel weiter entgegen strebte, dachte Victor darüber nach, was wohl Zeit geschehen war, bis er in der Gasse wieder halbwegs zu sich gekommen war. Ihm fiel es zwar wesentlich leichter zu gehen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Doch er brauchte immer noch fast die ganze Breite der Straße, denn selbst untergrößter Konzentrationsanstrengung, wollte es ihm nicht gelingen die Füße in einer Linie voreinander zu setzen. Es tat seiner Zielstrebigkeit keinen Abbruch – es gelang ihm sogar, das was sein Gang an Effizienz eingebüßt hatte durch Geschwindigkeit wett zu machen. Es war der unbedingte Wille Jerry zu finden, der ihn weiter antrieb.
Victor ging durch die verlassenen Straßen und Gassen, überquerte die kleinen und großen Plätze und kam der Innenstadt immer näher. Je näher er kam, desto mehr Menschen befanden sich wieder auf der Straße. Vielen von ihnen konnte Victor ansehen, dass sie sich eigentlich zu Nacht gerichtet hatten. Vielleicht hatten sie sogar schon geschlafen und waren nun von Nachbarn oder der reinen Anwesenheit anderer Menschen auf den Straßen dazu verleitet worden, selbst das Haus zu verlassen, um nachzusehen, was denn gerade so wichtiges in der Stadt geschah. Allen war Neugier, Sorge, Wut oder Müdigkeit regelrecht ins Gesicht gemeißelt. Und wie Victor strebten sie alle dem Feuer entgegen.
Die Ruhe, die sie umgab beängstigte Victor. Er hörte keine Schreie, kein Rufen. Kein Lärm durchbrach die Nacht. Was war passiert? Was hatte Jerry getan? Was war mit dem Magistrat, dem Miederwarenfabrikaten oder den anderen Gästen geschehen? Wie ging es Roswitha.
Victor musste aufstoßen und dabei den Reflex unterdrücken sich zu übergeben. Er würgte im Gehen und musste seinen Gang verlangsamen, nun da der Geschmack von Spargel in Wein in seinen Rachen gespült wurden. Tapfer und mit tränenden Augen schluckte Victor seinen Mageninhalt wieder herunter. Er konnte es jetzt nicht zulassen, noch mehr Zeit zu verlieren. Nur weil es still war, bedeutete es nicht zugleich, dass keine Menschenleben in Gefahr waren.
Und nicht nur die waren in Gefahr, schoss es Victor durch den Kopf. Was wäre, wenn es gar nicht Jerry war, von dem Gefahr ausging? Was war, wenn ihm die Gefahr galt und sich der Magistrat und die Bürger nun doch gegen Jerry gewandt hatten.
Es war nicht unmöglich, dass das Abendessen während seiner Abwesenheit eine böse Wendung genommen haben könnte. Auch Jerry hatte eine große Menge an Wein vertilgt. Erheblich mehr als Victor, wenn der sich recht an den Verlauf des Abends erinnerte. Es war schwer die düsteren Nebelschwaden in seinen Gedanken zu durchdringen. Alkohol, jedenfalls, war eine Substanz von der Victor Jerry gezielt fern gehalten hatte. Jerry hatte zwar nie wirkliches Interesse daran gezeigt, aber es war dennoch eine Vorsichtsmaßnahme, die Victor vom ersten Moment an eingesetzt hatte. Er selbst hatte seine Erfahrungen mit Alkohol schon gemacht – und ihm sagte auch die eine oder andere Flasche Wein am Abend manchmal sehr zu. Aber mindestens seit dem Zeitpunkt zu dem sie bei der Witwe Bolthe eingezogen waren, war gar kein Geld mehr das, mit der sich Victor einen halbwegs passablen Wein hätte leisten können.
Victor kam nicht dazu, viel weiter darüber nachzudenken, was er als der Wissenschaftler Dr. Frankenstein wohl über die Wirkung von Alkohol in lebenden – oder viel mehr in zum Leben erweckten – Wesen wusste und ableiten konnte. Er hatte sein Ziel erreicht.
Das Feuer.
