Der Speisesaal war ein großer Raum, der von drei wichtigen Einrichtungselementen dominiert wurde. In der Mitte stand die große Tafel, ein mächtiger Tisch um den herum der gesamte Raum und wahrscheinlich auch das gesamte Gebäude gebaut worden war. Rundherum standen schwere Stühle auf denen die Gäste platziert waren. Es waren noch genau drei Stühle frei.
Die eine Stirnseite des Raumes, direkt neben der Tür durch die sie kamen, bestand fast nur aus dem großen Kamin mit einer offenen Feuerstelle. Es brannte noch kein Feuer, dafür war es noch zu warm. Es waren aber schon einige Scheite, bereit zum Entzünden aufgeschichtet und eine Reihe weiterer zum Nachlegen in der Nähe platziert.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes erhob sich ein großer, kunstvoll geschnitzter Buffetschrank, der ebenfalls die gesamte Wand für sich beanspruchte. Hinter den Glastüren standen ebenso kunstvolle, wie offensichtlich wertvolle Vasen und Teller aus Porzellan.
Während Victor und Jerry die ihnen zugewiesenen Plätze einnahmen, ließ Victor seinen Blick weiter durch die Runde und den Raum schweifen.
Er konnte spüren, wie Jerry, dem der Platz direkt gegenüber von ihm zugewiesen worden war, von der Situation beeindruckt, sich noch steifer verhielt, als er es für gewöhnlich tat. Er folgte dem Blick seines Schützlings und wie er den Blicken der anderen Anwesenden auswich.
Victor glaubte zu erkennen, wie die Umgebung, das Haus, der Raum, die Einrichtung, die Menschen und eigentlich der gesamte Moment in dem er sich befand, seinen Schützling überforderten. Er konnte nur hoffen, dass die Übungen und Schulungen der letzten Wochen und Monate sich auszahlten und Jerry nun wirklich eine gesellschaftliche Anerkennung erfahren würde. Für Jerry und für sich erhoffte Victor eine Entwicklung in seinem Schützling, die ihm dabei half, mit den großen und überwältigenden Emotionen hinter der stoisch und lethargisch wirkenden Fassade zurecht zu kommen. Sie hatten große Fortschritte erreicht – nun sollten sie den Erfolg ernten. Alles nur Hoffnung, dachte Victor.
Die anderen Gäste konnten nicht verstecken, dass sie großes Interesse an den Neuankömmlingen hatten, die sie mit wertenden Blicken bemaßen, selbst wenn sie vorgaben, eigentlich gar kein Interesse an Victor und Jerry zu haben. Vor allem den dank seiner Größe und Kleidung herausstechenden Jerry beäugten sie mit Skepsis.
Der Magistrat Knorrhahn wartete mit festlich steifer Haltung an seinem Platz stehend auf seine Frau, die noch letzte Anweisungen mit den Bediensteten besprach und kurze Nettigkeiten mit den Gästen am Tisch austauschte, während sie sich setzte.
Nun war der Moment gekommen. Das kleine Messer in der Hand des Magristrats traf auf das Glas und ließ einen glockenhellen Klang durch den Raum vibrieren. Es war eigentlich unnötig, denn seit Jerry sich gesetzt hatte und der Stuhl unter seinem Gewicht gefährlich geknarzt hatte, war es muxmäuschenstill im Raum. Aber für den Magistrat gehörte es ganz offensichtlich zum Protokoll, den Abend mit einem Glockenschlag zu beginnen.
„Werte Gäste, Exzellenzen und Hochwürden, meine lieben Freunde. Es ist mir eine große Freude und Ehre, Sie hier an dieser Tafel willkommen zu heißen.“
Der Magistrat sprach langsam und getragen. Er war zwar deutlich darin geübt, Ansprachen von Bedeutung zu halten, doch schien ihm diese nur wenig Freude zu bereiten. Victor überlegte kurz, ob der Magistrat bei anderen Ansprachen vielleicht etwas enthusiastischer vorging, oder ob es zum Naturell des nüchternen Verwalters gehörte so bedächtig zu sprechen. Auch wenn dem Magistrat die Nüchternheit des Wesens schon seit langem nachgesagt wurde, hoffte Victor, dass nicht alle Ansprachen mit ähnlicher Emotionslosigkeit erfolgten. Die Freude, von der der Magistrat sprach, war kaum zu spüren, fand Victor. Und es Victor auch nicht gewundert, wenn bei anderen Reden des Magistrats Zuhörer schon vor Langeweile gestorben wären. Entsprechende Berichte waren ihm aber nicht bekannt.
„Wir – meine Frau und ich – sind sehr froh, dass Sie alle den Weg hierher gefunden haben und es einrichten konnten, meiner Einladung zu Folgen. Und der meiner Frau.“
Zu der letzten Bemerkung musste der Magistrat offensichtlich durch ein verdecktes Zeichen seiner Frau gezwungen werden. Das ließ der eisige Blick und das noch weiter Tempo in der Ansprache vermuten.
Victor fragte sich, wie die beiden wohl jemals zusammengefunden hatten. Der steife und nüchterne Beamte und die lebensfrohe und energiereiche Gesellschaftsdame mit dem überbordenden Enthusiasmus.
Den weiteren Ausführungen über den Verlauf des Abends und die Speisen, sie waren glücklicherweise nur sehr kurz, folgte Victor nicht mit voller Aufmerksamkeit. Er studierte lieber die Gesichter und das Verhalten der anderen Anwesenden, nun da Jerry mit ihnen an einem Tisch saß.
Die meisten von ihnen gaben wenigstens vor, dem Magistrat mit voller Aufmerksamkeit zu folgen. Und dennoch entdeckte Victor den ein oder anderen verstohlenen Blick, der zu Jerry oder Victor selbst geworfen wurde.
Der Magistrat war mit seiner kleinen Rede fertig, die mit einem kleinen Applaus der Runde quittiert wurde. Nur Roswitha klatsche nicht und zeigte ein sehr unzufriedenes Gesicht, als sich der Magistrat schließlich setzen wollte. Ihr Mann entdeckte die ebenfalls und erhob sich wieder, kaum dass sein Hinterteil das Kissen seines Stuhls berührt hatte.
Er seufzte.
„Und ich möchte nochmals ausdrücklich auf die Ehrengäste meiner Frau hinweisen, die uns heute hier beehren: Dr. Victor Frankenstein und seine wissenschaftliche Errungenschaft, die er heute mit uns teilen möchte zusammen mit seiner, äh, Begleitung.“
Der Magistrat sah nun fordernd, fragend und mit einigem Missmut zu Victor, der einen Moment brauchte, um zu verstehen, was der Magistrat von ihnen wollte.
„Oh, Jerry“, sagte er.
„Ja?“, antwortete Jerry.
„Jerry?“, fragte der Magistrat, unsicher darüber, was er mit der Aussage anfangen sollte.
„Ja?“, antwortete wieder Jerry.
Victor nickte: „Ja, Jerry.“
„Ja?“, fragte Jerry erneut. Victor befürchtete, wenn es ihm nicht gelingen sollte diesen Ringelreihen zu beenden, könnte Jerry frustriert sein, da man ihm nicht sagte, was der Magistrat oder Victor von ihm wollten – der Schützling war es nicht gewohnt, dass man über ihn in seiner Anwesenheit so sprach.
Victor winkte Jerry, dass er sich für einen Moment ruhig verhielt. Das Zeichen hatten sie schon früh geübt – das Verhalten wie er sich bei einer Konversation verhalten sollte, wenn er sich überfordert und angestrengt fühle, aber anscheinend doch noch nicht genug, stellte Victor fest.
„Mein Schützling, Jerry, und ich,“ antwortete Victor in die Runde indem er sich ganz sachte vom Stuhl erhob, „sind sehr dankbar für die Einladung und freuen uns außerordentlich heute hier sein zu können.“
Er nickte Roswitha nochmals voller ehrlicher Dankbarkeit zu, die ihrerseits die Geste erwiderte.
Es folgte ein Moment der Stille. Ein betretenes Schweigen, angereichert mit der Erwartung der Anwesenden, die auf Victor wie eine Hypothek lastete. Es war eine Prüfung, das stand fest. Wenn er und Jerry die Prüfung nicht bestanden, so würden sie wohl nicht nur aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen werden. Nein, alle nur halbwegs offenen Türen würden ihnen verschlossen und sicher auch dauerhaft so bleiben.
Roswitha rettete die Situation in dem sie ihr Hand zum Glas nahm, es erhob und sagte: „Erheben Sie Ihr Glas mit mir. Lassen Sie uns anstoßen. Auf unsere Ehrengäste, auf alle Anwesenden und auf einen schönen Abend.“
Die Anwesenden, allesamt glücklich darüber nicht weiter in der peinlichen Stille verharren zu müssen, folgten ihrem Beispiel. Dennoch, auch dessen war sich Victor sicher, war die Schwere der Erwartungen noch nicht von seinen Schultern genommen.
Zu seiner Erleichtung wurden, nachdem das Klingen der Gläser verklungen war, die ersten Speisen hereingetragen. Vielmehr machten sich zwei der Bediensteten daran, tiefe Porzellanteller vor die Gäste zu stellen, während durch die Tür ein kleiner Wagen mit einer mächtigen Porzellanterrine hereingefahren wurde.
undherum wurde sodann jedem Gast mit einer großen Kelle heiße Brühe auf die Teller gelöffelt.
Victor betrachtete den dampfenden Teller, der vor ihm stand. Der fein würzige Geruch stieg in seine Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammen laufen. Er freute sich darauf, endlich kein Sauerkraut essen zu müssen.
„Consommé á la Royal“, annoncierte der Chefdiener, der Victor und Jerry in seiner ihm eigenen Hochnäsigkeit an der Tür begrüßt hatte.
Die Gäste nickten anerkennend und als hätte es ein Signal gegeben, nahmen sie alle ihre Servietten und Löffel und begannen zu essen. Vergnüglich führten sie miteinander Gespräche, komplimentierten die Einladung, das Haus, die Gastgeber und den Moment, dass es nun endlich etwas zu essen gab.
Victors einziger Gedanke galt aber Jerry. Suppe hatten sie geübt. Und wenn es nur mit Wasser war. Es verhielt sich anders als das ewige Sauerkraut, aber sie hatten es geschafft, Jerry beizubringen, den Löffel gesittet zum Mund zu führen und die Flüssigkeit aufzunehmen. Einlage war allerdings nicht Teil des Trainings gewesen. Soweit hatte Victor nicht gedacht. Es hätte aber auch die Zeit zum Training gefehlt. Er musste also darauf vertrauen, dass Jerry einen kleinen Funken Abstraktions- und Transferfähigkeit in sich freisetzte, um das Mahl zu sich zu nehmen – ohne den anderen Gästen dabei negativ aufzufallen. Victor konnte ihre gehässigen und verdammenden Blicke über die Ränder der Teller hinaus, förmlich auf seiner Haut spüren.
Jerry aber, saß ruhig auf seinem Stuhl und betrachtete den vor sich stehenden Teller. Den Löffel hielt er artig in der Hand, mit der Spitze in die Flüssigkeit getaucht. Würde Victor nicht hinter die Fassade blicken können, könnten andere meinen, Jerry sei die Suppe vielleicht zu heiß oder er besäße keinen rechten Appetit.
Er konnte erkennen, wie auch Jerry die Suppe Sorgen bereitete.
Victor sah auf seinen eigenen Teller. Genau wie Jerry hatte er noch nicht von der Suppe probiert. Als wollte er es Jerry vormachen, rührte er mit dem Löffel in der Suppe, und spielte mit einem der kleinen Würfel aus Eierpudding. Er ließ einen von ihnen in einem kleinen Strudel Suppe auf den Löffel gleiten und führte ihn dann zum Munde.
Mit der Suppe im Mund, musste Victor aufpassen, dass ihn der vorzügliche Geschmack, die kräftigende Wärme, das Salz und die Aromen nicht vollständig ablenkten, so sehr er sich auch wünschte diesen vollkommenen Moment auszukosten. Endlich kein Sauerkraut, schoss es ihm dennoch durch den Kopf, bevor er Jerrys ernsten Blick entdeckte.
In den traurigen Augen erkannte Victor die Panik seines Schützlings. Victor versuchte zu verstehen, was geschehen war, doch da stellte schon Roswitha die Frage, die eine aufmerksame Gastgeberin in solchen Momenten nun mal stellte: „Stimmt etwas nicht mit der Suppe, Jerry?“
Victor konnte hören, wie sie Schwierigkeiten hatte, Jerry auszusprechen. In ihrer Stimme klang Angst und Vorsicht mit – unsicher, wie sie mit Jerry wirklich umgehen sollte.
Jerry murrte nur. Es galt Victor, das konnte er spüren. Es war Jerrys Kommentar dazu, dass auch er Roswithas Angst wahrgenommen hatte und glaubte seine eigene Prophezeiung würde alsbald in Erfüllung gehen.
Hilfesuchend sah sich Roswitha zu Victor um, der nicht umhin kam festzustellen, wie die meisten der Gespräche am Tisch drohten ob der gastgeberischen Intervention zu verstummen.
„Nein,“ sagte Victor und tupfte sich mit der Serviette kurz die Lippen ab, um Zeit zu haben, Jerry eine in einem Blick versteckte Nachricht mitzuteilen.
„Die Suppe ist vorzüglich. Das kann ich versichern. Er ist nur,“ Victor zögerte theatralisch. „Jerry hat ein wenig Schwierigkeiten sich zu akklimatisieren.“
Auch wenn Victor es nicht beabsichtigt hatte, war ihm nun die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gewiss.
„Akklimatisieren,“ raunte der Domdechant mit hochgezogenen Augenbrauen und zog damit die Aufmerksamkeit auf sich. „Ich bin ja gespannt, wann Sie uns ihre wissenschaftliche Errungenschaft, die nun schon angekündigt wurde, präsentieren wollen.“
Es war eine ganz klare Herausforderung. Der kurze Austausch im Empfangsraum hatte Victor schon einen Vorgeschmack dazu gegeben. Nun gab es wohl keinen Weg daran vorbei.
„Nun, meine Damen und Herren, werter Herr Knorrhahn, Hochwürden und liebe Roswitha. Es gibt gar nicht mehr so viel zu präsentieren, denn Sie haben meine wissenschaftliche Errungenschaft nun schon in Ihrer Mitte begrüßt“, sagte Victor und versuchte dabei seinen Worten Gravitas und Pathos zu verleihen.
Als Antwort bekam er aber nur fragende Blicke – auch von Jerry, der seine Suppe immer noch nicht angerührt oder davon probiert hatte.
„Jerry, mein Schützling, der mich hier heute begleitet, ist meine wissenschaftliche Errungenschaft.“
Der Domdechant lächelte schief und skeptisch. Roswitha und der Miederwarenfabrikant schienen die einzigen zu sein, die Victor einige Anerkennung zollten.
„Sie meinen, Ihr Assistent präsentiert uns ihre Erkenntnisse?“, fragte der Domdechant in einer gespielten Belustigung.
„Mitnichten, Höchwürden“, entgegenete Victor. „Er ist das Objekt meiner Forschung und Entwicklung.“
„Aber was steckt dahinter?“, fragte eine Dame am Tisch, die Victor mit ihrer unscheinbaren Zurückhaltung kaum aufgefallen war.
„Sagen wir“, begann Victor zu referieren. „Sagen wir, es ist ein soziales Experiment.“
Den Blicken nach zu urteilen, musste Victor mehr erklären.
„Mein Begleiter Jerry ist das Ergebnis meiner Forschung um die Energien des Lebens und den Vorgang der Schöpfung.“
„Die Schöpfung ist ein göttlicher Akt“, warf der Domdechant voller Inbrunst ein. „Gott nachzuahmen ist Frevel und Blasphemie. Wenn die Wissenschaft sich aufschwingt ihm nachzuahmen und sich ihm gleich wähnt, so wird dies mit einer Ewigkeit in der Hölle bestraft.“
Einige der Anwesenden machten ein schockiertes Gesicht, als seien sie selbst diejenigen, denen das Fegefeuer drohte.
„Ein wissenschaftlicher Beweis zur Existenz der Hölle und sogar auch eines Gottes bleibt noch aus“, sagte Victor trocken. Der Kommentar verfehlte sein Ziel nicht, denn die Suppe tropfte dem Dechant platschend vom Löffel.
„Das Göttliche braucht keine Beweise. Wenn es bewiesen werden könnte, so wäre es nicht göttlich. Und auch der Versuch einen Beweis zu unternehmen ist schon gotteslästerlich und wird mit der größten Strafe unseres gnädigen Gottes bestraft: der Hölle.“
Victor zuckte jedoch nur mit den Schultern. Die Diskussion würde zu schnell entgleiten und in eine hitzige Debatte münden, die ihm und Jerry wohl eher schaden als nützen würde. Er erkannte, wie Roswitha ihm anerkennend und zugleich dankbar zunickte.
„Also, ich verstehe das noch nicht ganz“, warf der Miederwarenfabirkant wieder ein. „Was hat es nun mit Jerry auf sich?“
„Fragen Sie ihn selbst“, sagte Victor und wies mit dem Löffel auf seinen Schützling in der Hoffnung, so nun endlich selbst auch von der Suppe kosten zu können, die andere Gäste schon längst aufgegessen hatten. Doch niemand traute sich zurecht den mit bösem Blick vor sich hin starrenden Jerry wirklich anzusprechen.
„Wo kommen Sie her, Jerry?“, fragte Roswitha nach einigem Zögern in dem Versuch, die peinliche Stille nicht zu lang werden zu lassen.
Jerry sah sie an und knurrte nur kurz.
„Jerry,“ ermahnte Victor. „Bitte erinnere dich daran, was wir besprochen haben.“
„Lassen Sie gut sein, Victor“, lächtelte Roswitha ihm zu. „Vielleicht geben wir Ihrem Kompagnon noch etwas Zeit, bis er sich in unserer Mitte – wie sagten Sie? – akklimatisiert hat. Vielleicht hilft dabei ja auch ein guter Schluck Wein und der nächste Gang?“
Rund um den Tisch herum nickten die Gäste in Zustimmung. Jerry hatte weder die Suppe, noch das Glas mit dem hellen Weißwein angerührt. Er sah Victor wieder fragend an. Da aber nun alle wieder ihre Gläser zur Hand nahmen und sie erhoben, deutete Victor Jerry es ihnen gleich zu tun.
„Auf unseren schönen Abend und diese vorzügliche Gesellschaft“, sagte Roswitha – sie hatte die Moderation des Abends ihrem Ehemann nun vollends abgenommen.
Victor ließ sich den trockenen Sherry auf der Zunge zergehen. Es hat schon gewisse Vorzüge, in einer feinen Gesellschaft zu verkehren. Er genoss den Moment und den fein-säuerlichen Geschmack in seinem Mund, der hervorragend mit der salzigen Wärme der Suppe harmonierte.
Als er sein Glas wieder abstellte, bemerkt er, dass Jerry nicht nur sein Glas mit einem Schluck gelehrt hatte, sondern nun im Anschluss mit Eifer dabei war, die Suppe vom Teller zu löffeln.
Victor fragte sich für einen Moment, wie es zu Jerrys überraschendem Sinneswandel gekommen war. Wahrscheinlich lag es daran, stellte er fest, dass die versammelte Dienerschar am anderen Ende des Tisches schon begonnen hatte, die Teller wieder abzuräumen. Es war auch ebenso wenig unwahrscheinlich, dass sein Schützling befürchtete, dies könnte der letzte Gang des Abends gewesen sein. Der Magistrat hatte zwar von der Menüfolge gesprochen und auch den ersten Wein erklärt. Victor war sich aber gar nicht mal so sicher, ob Jerry davon überhaupt etwas mitbekommen hatte. Er selbst war schließlich auf Grund dieser wundersamen Situation in der sie sich befanden mit den Gedanken ganz woanders gewesen.
Die Diener mussten Jerry geradezu den Teller unter dem Löffel entziehen, was der sich wiederum nicht so ganz gefallen lassen wollte. Man könnte meinen, es sei ein Wunder gewesen, dass der feine Brokat in den Jerry gekleidet war nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, weil Suppentropfen auf ihn herunter fielen. Aber es war absolut kein Wunder, denn Jerry hatte in Windeseile sogar die letzten Tropfen Suppe mit einem kleinen Fetzen Brot aufgewischt.
„Na, so viel zum Thema des Akklimisierung“, raunte der Miederwarenfabrikant.
„Akklimatisation“, korrigierte ihn ein Herr am anderen Ende des Tisches, der Victor als Professor Gieswald Neuhaus vorgestellt worden war und mit seiner Nickelbrille der Aura eines hochnäsigen Gelehrten der alten und neuen Sprachen gerecht wurde.
Kauend sah Jerry dem Teller hinterher der vom Tisch weggetragen wurde. Dann wandte er den Kopf zu Victor um.
Victor, der sich gut erinnern konnte, wann er diesen Blick das letzte Mal gesehen hatte, gefror das Mark in den Knochen. Diesen funkelnden, ja fast schon teuflischen Blick, hatte er bisher nur einmal gesehen. Es war in der Nacht gewesen, in der er Jerry zum Leben erweckt hatte. Voller Wut und Raserei hatte das Ungetüm, das er nun als seinen Schützling bezeichnet, umhergeblickt. Damals hatte Victor Reißaus genommen in Angst, Furcht und Abscheu vor seiner eigenen Schöpfung – einem Teufel, wie der Domdechant Jerry mit Sicherheit bezeichnen würde, wenn er verstanden hätte, was Jerry nun wirklich war.
Jerry schien mit diesem Blick aber gar nicht nach Rache oder Gewalt zu sinnen. Nein, Victor erkannte, wie unter dem teuflischen Funkeln noch eine weitere Qualität in Jerrys Augen loderte. Es war freundlich und schelmisch und passte eher zu einem verzogenen Jüngling, der sich einen Spaß daraus machte, die Alten und Ehrwürdigen zu necken.
Victor war zugleich besorgt und erleichtert. Der erste Gang, die erste Hürde hatten sie gemeistert, stellte er fest. Mit dem Fortschreiten der Zeit würde sich der Abend sicherlich ganz formidabel ausgehen. Jerry fand sich offensichtlich immer besser ein.
