Munga

Meta-Fakten

Inspiriert von Filmen wie Zootopia oder Sing.

Das Beitragsbild wurde mit Dall-E generiert.

Entstanden:Januar – April 2024
Wörter:5.115
Genre:Comedy, Antropomorphismus, Noir
Meta-Daten Fragment Munga

Story

Hätte die Klimaanlage der Bar den Raum nicht auf eine erträgliche Tempertatur heruntergekühlt, wäre Munga vor Hitze wahrscheinlich eingegangen. Koalas sollten ja eigentlich Wüste und Temperaturen gewöhnt sein. Aber ihr Fell ist nun Mal so dick. Und mitten in Las Vegas wird es außerhalb der gekühlten Casinos gerne über vierzig Grad heiß.

Es soll Leute geben, die mögen das, für Munga, mit dickem Fell, eingezwengt in ein weißes Hemd und eine Krawatte war es aber nichts. Zu Hause trug er eigentlich nur Shorts. Was sonst, wenn man am Tag eigentlich nichts anderes tut, als zu surfen und gelegentlich am Eukalyptus zu knabbern?

Hierher zu kommen, in diese fremde Wüste, hatte ihn veranlasst sogar ein Sakko einzupacken. Das hatte er bei seinem Uniabschluss vor ein paar Jahren gekauft, zu einer Reihe Vorstellungsgespräche gebracht, dann aber befunden, dass die Shorts wesentlich angenehmer waren. Gepasst hat es nach den Jahren auch nicht mehr. Und um nicht total vor Hitzestau einzugehen, auf dem Weg ins “Golden Nugget Las Vegas Hotel und Casino” hatte er es in dem Zimmer in der kleinen Absteige am Rande der Stadt gelassen.

Munga fühlte sich in seinem Körper als würde er verbrennen. Hätte er schwitzen können, das Hemd wäre längst durchnässt und durchsichtig. Er konnte jedes Haar spüren, wie es sich an dem Stoff rieb.

Mit dem Finger versuchte Munga den Kragen etwas von seinem Hals zu lösen. Am liebsten hätte er den ersten Hemdknopf aufgemacht, aber das ging nicht. In seinem Vertrag war der Dresscode streng geregelt und sollte er dagegen verstoßen, konnte er sich seine Bezahlung abschminken. “Tschüss Geld”, sagte er sich leise bei dem Gedanken.

Sein Blick glitt auf seine Armbanduhr, dann wieder zum halbleeren Cocktail und dann zum Spiegel hinter der Bar. Der Treffpunkt war ebenso ausgemacht, wie die Uhrzeit, seine Aufgabe und die Konsequenzen, wenn er seinen Teil der Abmachung nicht einhielt. Und genau das war es, was Munga nach Las Vegas gebracht hatte.

Er seufzte. Nun befand er sich also in dieser Situation und musste durch.

Im Spiegel sah er, dass sein Krawattenknoten alles andere als gut gebunden war. Er hoffte damit durchzukommen. Sein Handy vibrierte in der Hosentasche.

Die Hose, mit dem Sakko gekauft, passte zwar besser, war aber dennoch stramm um seine kurzen und stämmigen Beine gepannt – entsprechend schwer tat sich der Koala damit sein Smartphone aus der Hosentasche hervorzunehmen.

Es war Zeit.

Er leerte den Martini Cocktail in einem Zug. Ließ sich noch kurz die letzte Olive schmecken und schob dann die kleine Serviette auf der die Stute das Glas platziert hatte.

An ihre Augen hätte sich Munga gewöhnen können. Sie war anders als die Pferde ins Australien, aber dennoch ähnlich. Und als sie ihm den Drink serviert hatte, meinte er auch dieses vielsagende Glitzern in ihren Augen gesehen zu haben. Später hatte er aber bemerkt, dass sie es auch anderen Gästen entgegenbrachte, die an der Bar Drinks und Snacks bestellten.

Ein letzter Blick in den Spiegel. Er atmete durch. Schob das Glas noch zwei Plätze weiter weg, damit es nicht den Eindruck erweckte, dass er getrunken haben könnte.

Er dachte noch kurz daran, die Krawatte zu richten. Dann erschien aber schon der Fuchs.

Sie hatten sich noch nicht kennengelernt. Munga hatte nur flüchtig ein Foto gesehen. Die Sache war aber direkt klar, als der Neuankömmling in Rollkragenpulli, Lederjacke und Sneakern ein Tablett mit Chips hinstellte.

“Das sind deine.”

Wären es frittierte Kartoffelscheiben gewesen, hätte Munga sie wahrscheinlich in einem Haps verschlungen. Diese waren aber aus mit Plastik überzogenem Ton und klickerten, wenn sie gegeneinander stießen. Sie waren die Grundlage für den Geräuschpegel, dem sich Munga in den nächsten Stunden ausgesetzt sehen würde.

Angesetzt für einen Tag, sollte er das Turnier spielen und gewinnen. Irgendwas darunter kam nicht in Frage. Auf diesen Deal hatte er sich eingelassen. Wie es dazu gekommen war, hatte Munga in dem Moment bereut, in dem er ihn eingegangen war. Es war ein ernster Einsatz, in einem echten Pokerspiel und er war sich seiner Hand und seinem Sieg so sicher gewesen. Aber er hatte verloren.

“So ein Pech,” hatte seine Mutter gesagt, als er ihr davon erzählt hatte, sich dann aber ihrem Haushalt gewidmet. Wahrscheinlich hatte sie ihn dar nicht richtig verstanden. Dennoch hatte sie ihm beim Packen geholfen und ihn zum Flughafen gefahren, als der Tag der Abreise gekommen war.

Es fühlte sich so lange her an, dabei waren kaum drei Tage vergangen.

Drei Tage, in denen Munga sich Unmengen an Gedanken gemacht hatte und Selbtzweifel versunken war. Den Jetlag hatte er überwunden und auch ein wenig Training an kleinen Tischen mit wenig Einsätzen in den zwielichtigsten aller Bars gehabt. Es war sein Crashkurs gewesen, den er sich verordnet hatte. Das letzte Geld, das ihm geblieben war, hatte er dort schon verspielt. Wenn er jetzt dieses Turnier hier aber nicht gewann – dann war er endgültig Pleite. Und Mama konnte er nicht mehr um Geld anpumpen.

Der Fuchs mit dem gelben Pulli lächelte schelmisch. Darüber trug er eine abgewetzte Lederjacke, deren Ärmel er hochgeschoben hatte.

“Bist du aufgeregt?”, fragte er.

Munga schüttelt den Kopf.

“Du bist aufgeregt”, sagte der Fuchs und streckte Munga seine Pfote entgegen. “Ich bin Littler. Und das kommt nicht daher, dass ich so klein bin.”

In der Tat war der Fuchs nicht sehr groß. Munga, als Koala, war das aber auch nicht. Wahrscheinlich war es einfach nur ein Spruch, den Littler immer benutzte, dachte Munga.

“Munga,” antwortete Munga und schüttelte ihm die Pfote.

“Bock auf ein Bier?”, fragte Littler und winkte die Stute mit den hübschen Augen heran. Auf die hübschen Augen, die Littler versuchte ihr zu machen, reagierte sie eher kühl und irritiert. Dennoch gelang es ihm zwei Corona zu bestellen.

“Geht das denn?”, fragte Munga unnötig leise, während die Bedienung die Flaschen aus dem Kühlschrank holte und öffnete.

“Mir egal, ob es geht oder nicht. Ich finde, so wie du aussiehst, solltest du ein Bier trinken.”

Sie stießen an. Munga nahm aber erst einen Schluck, als er sich sicher war, dass er nicht beobachtet wurde.

“Also. Wie fühlst du dich vor deiner großen Aufgabe?”, fragte Littler.

“Du kennst die Aufgabe?”, fragte Munga unsicher.

“Klar. Ich bin schließlich hier, um dich zu coachen.”

Littlers Bier war schon zur Hälfte leer, als er es auf dem Tresen abstellte und nochmal einen kurzen Blick auf die geschäftige Stute warf.

“Meinst du, die bezahlen mich nur dafür, dass ich dir einen Haufen Chips bringe?”, sagte Littler und wies auf das kleine Tablett.

Während sich Munga eine Antwort überlegte, zuckte Littler mit den Augenbrauen, was aber wieder eher der vorbeiziehenden Bedienung galt.

“Die Spieler, die hier heute antreten sind eine wilde Mischung. Wahrscheinlich nichts, was du vorher schon mal gesehen hast, oder?”

“Das ist mein erstes Turnier”, sagte Munga und nahm einen Schluck Bier.

“Aber Poker spielen, kannst du schon?”, fragte der Fuchs mit listigem Blick.

Munga zögerte. Er konnte pokern, das war kein Problem. Etliche Runden hatte er schon mit Freunden gespielt, Leute darüber kennen gelernt und es als entspannte und gesellige Tätigkeit wahrgenommen, die sich gut mit seiner Hauptbeschäftigung, dem Surfen, in Einklang bringen ließ. Das Pokerset war fast schon Teil seines Vans geworden, mit dem er die verschiedenen Spots an Australiens Küste abgefahren hatte. Sogar auf der Fähre nach Tasmanien hatten er und drei seiner Freunde den Pokerkoffer mit auf das Oberdeck genommen und die Überfahrt mit dem Zeitvertreib verbracht und sich Chips und Karten hin und her geschoben.

Ein Turnier. Das hatte er aber noch nicht gespielt.

Aber es gab ja immer ein erstes Mal.

“Mach’ dir nichts draus. Ich mach’ nur Spaß – ich weiß, dass du spielen kannst. Dich hätte man dann wohl kaum hierher gelassen, wenn die da oben nicht davon überzeugt wären, dass es sich lohnt, wenn du spielst.”

Munga wusste nicht, wer “die da oben” wirklich waren. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

“Es ist in der Tat mein erstes Turnier”, bestätigte Munga mit einem Lächeln, von dem er hoffte, dass es lässigen Optimismus ausstrahlte.

“Naja, gibt ja immer ein erstes Mal”, sagte Littler und knopfte Munga kumpelhaft auf die Schulter und leerte im Anschluss sein Bier.

Er rülpste leise: “Wird schon nicht so schlimm werden, ich bin ja da.”

“Spielst du auch mit?”, fragte Munga, woraufhin der Fuchs die Brauen hob. Es dauerte eine Sekunde, bis Littler eine Antwort gab.

“In gewisser Weise spiele ich schon. Nur kein Poker”, sagte er.

Gerade als der Fuchs weitersprechen wollte, zwängte sich das Gesicht eine Echse dazwischen und sah Munga böse an.

“Du sprichst mit falschen Zungen”, zischte die Echse. Sie trug eine getönte Brille, durch die Augen funkelten. Auf den Kopfzacken ruhte ein Cowboyhut. Die schmale lederne Weste und die Stiefel füllten das Klischee eines Pokerspielers aus deinem Wilden Westen voll aus. Es fehlte nur, dass ein Colt am Gürtel baumelte. Und auch wenn der fehlte, war sich Munga sicher, dass die Echse irgendwo eine versteckte Waffe mit sich führte.

Munga antwortete nicht. Mit dem Glas in der Hand versuchte er den durchdringen suchenden Pupillen der Echse Stand zu halten. Der Echse direkt ins Auge zu blicken wurde sofort unangenehm und der Koala versuchte dem Blick auszuweichen. Erst sah er in die eine Richtung, dann schnell wieder in die andere, dann versuchte er Littlers Blick zu erhaschen. Es hatte aber keinen Zweck. Egal was er tat, seine Augen wanderten immer wieder zum Blick der Echse zurück.

Die Augen waren das einzige, was sich zu bewegen schien. Sie folgten ihrerseits jeder noch so kleinen Bewegung von Munga. Er war gefangen von dem Bann der Echse, die Mungas Aufmerksamkeit wie mit einem Lasso gedesselt hatte.

“Keinen Ton”, zischte die Echse. Munga gehorchte. Er wusste ohnehin nicht, was er in dieser Situation sagen sollte. “Alles was du sprichst, ist mit falschen Zungen.”

Die Echse sprach scharf und bedrohlich und mit einer merkwürdigen Betonungen auf den S-Lauten,

Kurz blitzte die Zunge der Echse hervor und dann war sie auch schon wieder so schnell und plötzlich und unerklärlich verschwunden, wie sie erschienen war.

“Was war das denn?”, fragte Munga mit einem Hauch der Erleichterung, nachdem er sich versichter hatte, dass die Echse nicht mehr in Hörweite war.

Littler zuckte mit den Schultern. Seine ursprüngliche Coolness war nicht mehr so glänzend, aber er schien von der Situation wesentlich weniger mitgenommen zu sein, als Munga.

“Meint er, dass ich lüge?”, fragte Munga. “Dabei habe ich doch gar nichts gesagt.”

“Nein”, sagte Littler schließlich. “Ihm gefällt die Sprache nicht, die du sprichst.”

“Aber ich spreche doch wie alle hier”, erwiderte Munga. Er mochte vielleicht wie ein Australier klingen, er wusste aber schon längst, dass er nicht den typischen Akzent hatte. Zu sehr hatte sich seine eigene Ausprache von den Akzenten und Sprechweisen der Leute beinflussen lassen, die ihn umgaben. So viele unterschiedliche Nationen, Sprachen und Spezies waren ihm in den letzten Jahren begegnet – und noch niemand hatte ihm wegen seiner Sprache je einen Vorwurf gemacht.

Littler schob Munga ein zweites Bier zu. Mit dem ersten Schluck versuchte Munga den Gedanken an die Echse abzuschütteln.

Der Raum hatte sich merklich gefüllt und die meisten Neuankömmlinge strömten auf den Turniereingang zu.

“Es wird Zeit”, sagte Littler und wies auf die Chips, die noch immer vor Munga standen. Sein Bier war schon längst leer. Munga hatte nur zwei Schlücke getrunken. Das Glas war definitiv mehr als halbvoll.

Littler erhob sich, richtete seine Jacke und nahm die Chips in die Hand. Geduldig wartet er, bis Munga fertig sinniert hatte, ob er noch einen Schluck Bier nehmen sollte oder nicht.

“Nimm noch einen und dann geht’s los”, wies ihn Littler an.

Munga folgte der Anweisung und kletterte dann von dem Hocker. Im Stehen wurde der Größenunterschied zwischen ihm und Littler deutlich. Sie waren beide nicht die größten Tiere im Raum. Aber Munga gehörte definitv zu den kleinsten. Entsprechend groß schien auch der Stapel mit den Chips, die Littler ihm in die Pfoten drückte.

Littler klopfte Mungas Sakko noch ein wenig zurecht und wies dann zum Turniereingang, an dem sich schon eine Warteschlange gebildet hatte. Er fühlte sich, als sei er ein junger Schüler, der gerade zu seinem ersten Schultag geschickt wurde und eine neue Welt betrat.

Den Einlass hatte Munga schnellt hinter sich gelassen. Überall wimmelte es von Helfern, Offiziellen und Spielern. Alle waren auf der Suche nach einem Platz, mussten irgendwo hin oder warteten einfach nur darauf, dass es endlich losging.

Munga hatte einige Mühe, seinen Stapel Chips durch die Menge zu manövrieren. Zum Glück waren Zuschauer, wie zum Beispiel Littler, erst wesentlich später zwischen den Tischen erlaubt. Es hätte ein noch größeres Getümmel gegeben und Munga garantiert mehr als einmal dazu benötigt, seine Chips vom Boden aufzusammeln, weil ihn irgendjemand übersehen hatte. Dem Bein eines Bären hatte er schon ausweichen müssen. Als dann ein Elefantenrüssel in seinen Weg schwenkte, wäre es fast um den schwankenden Stapel geschehen.

Endlich hatte er seinen Tisch und auch einen Platz erreicht. Glücklich darüber die wertvolle Fracht endlich abstellen zu können schob er die Chips über die Tischkante. Die Oberfläche war so hoch, dass sich Munga weit strecken musste, um sie überhaupt zu erreichen. Gerade in dem Moment, in dem eigentlich alles sicher sein sollte, stieß jemand von hinten gegen ihn und das befürchtete Geräusch, fallender und rollender Chips ertönte von oben.

Munga wollte losschreien und sich beschweren, da kam ihm ein Zischen zuvor.

“Pass doch auf”, sagte das Zischen. Munga drehte sich um und sah wieder die listigen Augen der Echse durch die getönten Gläser. Dem Koala stellten sich die Haare auf – eine schreckliche Angewohnheit einer schreckhaften Spezies, stellte Munga fest. Unter seinem Anzug wirkte er wie aufgeplustert. Ein kurzer Blick zum Tisch beruhigte Munga aber weider etwas, denn alle Plätze waren belegt und die Echse würde nich am selben Tisch wie er spielen. Er wollte sich nicht weiter beinflussen lassen und konnte nur hoffen, dass die Echse ein weiteres Mal so plötzlich verschwand, wie zuvor.

Er kletterte auf den Stuhl, sammelte seine Chips ein. Entschuldigte sich dabei mehrmals und begrüßte die umsitzenden Spieler.

Nur Sekunden, nach dem er seinen Platz eingenommen hatte, ertönte ein Gong und die Stimme eines Ansagers verkündete den Beginn der Turniers.

Der Dealer, ein alternder Gnu mit müdem Blick und spröden Hörnern, erklärte gelangweilt nochmals ein paar Grundregeln und teilte dann Karten aus.

Munga hatte kaum die Chance, die anderen Mitspieler anzusehen. Schon war er an der Reihe und musste entscheiden, ob er einen Einsatz leisten wollte, um die ersten drei Karten zu sehen, die zusammen mit seinen beiden eigenene Karten ein Blatt ergeben würden. Wer die besseren Karten hatte, gewann. Alle anderen verloren. So waren die Regeln.

Munga sah sich seine Karten an. Ein Ass und eine Zwei. Keine Superhand, aber ein vergnüglicher Anfang. Angespront von dem Alkohol, den er im Blut hatte, wollte Munga am Tisch eine Marke setzen und ging mit. Noch hatten alle die gleiche Menge an Chips und die Chancen standen an einem gefüllten Tisch nicht allzu schlecht. Er investierte. Es würde ihm Zeit geben, sich zum ersten Mal mit seinen Mitspielern vertraut zu machen. Links neben dem Gnu, auf dem Small Blind saß eine schlanke Katze. Otto konnte die Rasse nicht gut erkennen, sie war ein Mischling. Ihre Ohren und rundes gesicht glichen dem eines Luchses. Der Körper war aber nicht so gedrungen sondern eher schlank wie der eines Gepards, allerdings mit dem auffälligen Musters eines Leoparden, das sich auf den Beinen abzeichnete, die unter einem schwarzen Rock herausragten.

Der Big Blind war ein grimmig dreinblickender Bär mit Baseballkappe und Hawaiihemd. Er trug eine markante eckige Brille und war Munga schon aufgefallen, als er mit Littler noch an der Bar gesessen hatte.

Der Spieler neben Munga gab seine Hand ab. Der alt gewordende Schäferhund trug einen abgewetzten hellbraunen Anzug, der zu Zeiten alter Cop-Filme aus den Sibzigern modern gewesen war. Wäre Rauchen nicht verboten im Turniersaal, hätte die Zigarette zwischen seinen Lippen mit Sicherheit gebrannt.

Daneben folgten zwei Schimpansen. Sie trugen Jeans und T-Shirts mit Covern von Rockbands, die Munga nicht kannte. Sie gingen beide mit. Einer von ihnen trug ein rotes Bandana auf dem Kopf und Munga fragte sich, wie es ihnen gelungen war, nebeneinander zu sitzen. Sie tuschelten miteinandern, nachdem sie die Karten abgegeben hatten und zeigten auf die nächste Mitspielerin.

Die Stute hatte eine weiße Mähne und ein weißes Gesicht, das nochmals gepudert worden war, um einige gräulich durchscheinende Flecken zu überdecken, die durch das Fell schienen. Die Stute trug ein feines rotes Kleid. Munga fand, dass es hervorragend zu der Farbe seines schwarzen Anzugs passte. Obwohl sie gar nicht sein Typ war, überlegte er kurz, wie es wohl war, sie in der Aufmachung zu einem Dinner auszuführen. Es würde jedenfalls ein Heidengeld kosten, das Munga nicht hatte – noch nicht. Erst, wenn er das Turnier gewann und damit beinhalten würde, sie aus dem Turnier zu kegeln. Ob sie dann noch mit ihm ausgehen wollte, war fraglich. Sie blieb jedenfalls im Spiel und setzte die gleichen Chips, die alle in der Hand bleibenden Spieler vor sich liegen hatte.

Auch der lässige Dalmatiner mit weit aufgeknöpftem Hemd schob Chips in die Mitte. Er trug eine Sonnenbrille lehnte mit einem Vorderbein über der Sessellehne.

Der Löwe des prächtige Mähne, zu unzähligen Zöpfen verflochten waren, in den rötlich schimmernde Bänder und Federn eingeflochten waren, schob seine Brille zurecht und blickte auf seine Karten. Musterte die Runde kurz und schob dann seinerseits Chips in die Mitte. Er trug eine braune Lederweste und darüber einen Smoking, aus dessen Tasche ein seidenes Tuch heraushing. Die dicken Ringe an seinen großen Pranken ließen keinen Zweifel mehr, dass er ein erfahrener und reicher Spieler war. Ohne Zweifel – er war auch die älteste Person am Tisch. Munga kam nicht drauf, aber es war sich sicher, den Löwen auf einem uralten Plattencover im Haus seiner Tante gesehen zu haben. Sie hatte sehr auf Beat und Blues aus England gestanden und in ihrer Jugend jede Platte gekauft, die aus England kam und auch nur im entferntesten mit einem der beiden Genres zu tun hatte. Munga hatte sich seinerseits durch diese Plattensammlung gehört – aber außer ein paar wirklich großen Namen, war ihm wenig davon in Erinnerung geblieben.

Munga hatte so viel Zeit, den Löwen zu studieren, da neben ihm ein Faultier am Tisch Platz genommen hatte. Es trug ein gebügeltes Handwerkerhemd mit aufgenähtem Emblem einer Autowerkstatt. Und während Munga, wie alle anderen am Tisch, darauf wartete, wie sich das Faultier entscheiden und mit gemächlichen Bewegungen einen Einsatz leisten würde, dachte er darüber nach, wie sich wohl Kunden der Autowerkstatt fühlen würden, wenn alle Reparaturen in einer ähnlichen, langsamen und ermüdenden Ewigkeit erfolgten.

“All In”, sagte das Faultier und brach damit das Eis.

Alle Anwesenden am Tisch, selbst das Gnu, raunten.

Nacheinander, warfen alle übrig gebliebenen Mitspieler ihre Karten weg und dem Faultier wurden Einsätze entgegen geschoben.

Das Dealer-Gnu in der knappen roten Weste ließ die Karten in einer kleinen Maschine im Tisch mischen und wieder nun den Bär und Munga an, die Blinds zu setzen. Zum Glück waren die Einsätze noch vergleichsweise klein. Das würde sich bald ändern und Munga würde nicht mehr knapp 200 Blinds leisten können, sondern wesentlich weniger. Das Turnier, das auf nur einen Tag angesetzt war würde schnell an Geschwindigkeit beginnen und unerbittlich Spieler dazu zwingen aufzugeben. Für Munga war es aber noch längst nicht so weit aufzugeben.

Seine Karten waren gut. Zwei Könige. Glück muss man manchmal haben.

Die Bietrunde verlief zügig. Der Schäferhund, einer der Schimpansen gingen mit. Der Löwe überlegte kurz, nachdem die Stute, die Munga gegenüber saß den Einsazu erhöht hatte. Er ging aber mit. Ebenso das Faultier. Es hatte aktuell die meisten Chips am Tisch. Es erhöhte den Einsatz aber nicht.

Die Luchs-Dame mit dem Leopardenmuster ging ebenfalls mit. Der Bär stieg aus.

Munga war neugierig, ob er wirklich ein gutes Blatt hatte. Wenigstens den Flop wollte er bei dieser zweiten Hand sehen – nicht um jeden Preis, aber der erhöhte Einsatz war es ihm wert.

Auch der Schäferhund und der Schimpanse gingen mit. Wahrscheinlich waren sie ebenso neugierig, das erst Mal an diesem Tag Karten auf den Tisch zu bekommen.

Das Gnu nahm eine Karte vom Stapel und legte sie vor sich ab. Dann schob es drei Karten von oben herunter und verteilte sie mit einer flüssigen und kunstvollen Bewegung offen in der Mitte des Tischs.

Dort lagen sie nun. Ein König und Munga frohlockte innerlich und kämpfte damit ein neutrales Gesicht zu behalten. Das waren gute Chancen. Neben dem König lagen eine Bube und eine Zehn. Eine Dame und ein Ass und man hatte sehr gute Chancen auf eine Straße, stellte er fest.

Die anderen Mitspieler wussten dies wohl auch und begannen zu setzen. Ein doppelter Blind kam vom Schäferhund. Der Schmpanse schmiss seine Karten verdeckt von sich und begann eine zeternde Diskussion mit seinem Kumpel. Die Stute legte ihre Karten vor sich ab und schob ihrerseits Chips in die Mitte des Tischs. Keine Erhöhung, stellte Munga fest.

Der Dalmatiner war ohnehin raus und der Löwe bestätigte seinerseits den Einsatz.

Das Faultier, das immernoch damit beschäftigt war, mit langsamen und entrückten Bewegungen die Chips aus seinem vorherigen Gewinn aufzustapeln. “Hatte es sich überhaupt die Karten angesehen?”, fragte sich Munga.

Es bestätigte den Einsatz müde: “Ich geh mit.”

Bis es seinen Einsatz in die Mitte geschoben hatte, damit das Gnu die Chips einsammeln konnte, lag auch die nächste Karte auf dem Tisch. Auch Munga und der Bär waren weiter mit im Spiel.

Es kam eine Acht.

Nun war er der Bär, der die Setzrunde direkt mit einem Einsatz begann. Munga hätte gerne die Hand zu Ende gecheckt – jeder Einsatz und weitere Mitspieler würde seine Chancen auf den Gewinn schmälern und wenn er nicht aufpasste, drohte er vielleicht alle seine Chips zu verlieren. Quer über den Tisch hatte er sie schon einmal verteilt. Auch das wollte er ein weiteres Mal vermeiden – dafür musste er aber entschlossen spielen und sich nichts anmerken lassen. Die Acht hatte ihm geholfen und so verdoppelte er den Einsatz des Bären. Mal sehen, was die anderen dazu sagen, sagte ihm sein Kopf.

Der Schäferhund war raus. Die Stute ging mit und auch der Löwe warf nun seine Karten von sich. Er war der einzige, der Otto mit einem ernsten und durchdringenden Blick an.

“All In”, sagte das Faultier. Es hatte sich seine Karten immernoch nicht angesehen.

Das Gnu sah zum Bären und wartete auf seine Entscheidung.

“Ich bin raus”, brummte der Bär.

Munga sah nochmals in die Runde. Nun sahen ihn mit einem Mal alle an, gebannt auf seine Reaktion achtend und ob er den Einsatz des Faultiers mitgehen wollte.

“Call”, sagte Munga. Was machst du da?, riefen seine inneren Gedanken. Er stellte sich auf den Hocker. Er wollte größer wirken und außerdem macht man das so, dachte er. Sollte er nun alle seine Chips verlieren, so würde er auf jeden Fall seinen Platz verlassen müssen.

“Umdrehen”, knurrte der Schäferhund – wenn er wirklich ein alter Cop war, dann sagte er den Satz nicht zum ersten Mal. Es galt aber eher dem Faultier und Munga. Wahrscheinlich hatte auch er mitbekommen, dass das Faultier seine Karten noch nicht angesehen hatte.

Das Gnu sah Otto fragend an. Es brauchte keine Worte. Der Raum war laut und gefüllt von Gesprächen und dem Klappern der Chips an den Nachbartischen, das zu einem Hintergrundrauschen verschwamm. Am Tisch selbst war noch kein Gespräch in Gang gekommen. Kleine Nettigkeiten und Kommentare, die nur sehr oberflächliche Themen gestreift hatten. Mehr gab es nicht. Und niemand schien die Ruhe stören zu wollen, die herrschte.

Munga nickte. Er und das Gnu sahen zum Faultier, das mit schläfrigen Augen den Kopf hob und ebenfalls nickte. Da es keine Anstalten machte, die Karten selbst umzudrehen, dafür war es in seiner Langsamkeit noch viel zu sehr damit beschäftigt, Chips vor sich zu stapeln, erbarmte sich das Gnu und drehte die Karten um.

Vor Munga zeigte seine Könige. Das Faultier hatte ebenfalls einen König und eine Zwei.

Noch lag Munga vorne. Wenn beide nun noch eine Dame zu ihrer Hand bekämen, dann würde es einen Split-Pot geben und die Einsätze auf das Faultier und Munga aufgeteilt.

Das Gnu legte eine weitere Karte auf. Alle am Tisch hielten den Atem an, um den Moment des Umdrehens nicht zu verpassen.

Es war ein Ass.

Ein freudiges Lächeln erstrahlte im Faultiergesicht, erfreut darüber mit der letzten Karte dann doch noch ein Pärchen getroffen zu haben. Der Sieg stand aber Munga zu und so wich das Lächeln schnell einem Schmollen der Enttäuschung, als das Gnu alle Chips, die im Pot gelandet waren Munga zuschob und auch die anderen Chips vom Faultier wegrückte.

“Glück muss man manchmal haben”, sagte der Löwe leise, als sich das Faultier ohne eine Verabschiedung mit zähen Bewegungen vom Hocker glitt.

Munga lächelte kurz beim Einsammeln seines Gewinns und sah dem Löwen in die Augen. Sein Kopf war so viel größer als sein eigener. Sein Blick zudem noch weiser und wohlwollend.

Die nächste Runde hatte schon begonnen und Munga glaubte, dass ihm auch alle anderen mit Dankbarkeit entgegen sahen, dass er das langsame Faultier so früh vom Tisch genommen hatte.

Er war es nun, der die meisten Chips am Tisch hatte. Sehr früh im Turnier, in der zweiten Hand – das war ein wichtiger Vorteil, allen anderen Spielern gegenüber. Die Freundlichkeit der anderen würde nurz kurz wehren, denn nun hatten sie es auf seinen Stapel Chips abgesehen.

“Jetzt wollen wir mal sehen, ob du auch wirlich Poker spielen kannst”, sagte der Dalmatiner und lehnte sich nach vorne, um seinen Einsatz auf den Tisch zu schieben.

Munga hatte die zweite Hand gewonnen – ob aus Können oder Glück, das wusste er selber nicht. Er würde nun umso mehr beweisen müssen, dass es echtes Können war, wenn er seinen Vorsprung verteidigen und zu seinem Vorteil einsetzen wollte.

Mit einer Person weniger am Tisch, schien sich die Stimmung auch etwas gelockert zu haben.

“Sie sind Musko Grave, nicht wahr?”, fragte der Schäferhund und schob seine Karten in die Mitte.

Fast alle am Tisch wurden ruhig und hellhörig. Auch Munga. Nur die beiden Schimpansen waren immernoch mit sich selbst und ihrem wohl fortwährenden Streit beschäftigt

Musko Grave war ihm ein Begriff. Der Name passte auch zu dem Gesicht, an dessen Fotografie er sich erinnert haben wollte. Musko Grave war aber nicht in irgendeiner drittklassigen No-Name-Band gewesen. Nein, er war der Schöpfer einer ganzen Musikströmung und eines Typus Rockstar gewesen, den die ganze Welt idolisiert hatte. Selbst Munga war ein Fan der Musik, die Musko in seinen Zwanzigern geschrieben, gespielt und veröffentlicht hatte.

Ein Zerwürfnis hatte ihn nach fünfzehn erfolgreichen Jahren aus der Band geworfen. Seine Solo-Projekte, angeblich der Grund für die Streitigkeiten in der Band, waren gefloppt und so waren seine ehemalige Band mit den Jahren von der Bildfläche verschwunden. Musko war immernoch berühmt, aber weniger mit Musik erfolgreich, als mit einen Bildern. Sie waren nicht gut, verkauften sich aber wegen seines Namens umso besser. Munga hatte Berichte gelesen und Fotos gesehen, aber es musste Jahre her sein. Hatte er auch ein Buch geschrieben, eine Biografie vielleicht? Seine Tante würde es sicherlich bei sich im Schrank haben.

“Ja, ich bin Musko Grave”, bestätigte der Löwe mit einer warm grollenden Reibeisenstimme und einem Unterton, den nur eine echte Rocklegende im Blut hatte. Nun waren auch die beiden Affen ruhig.

“Es freut mich mit ihnen an einem Tisch zu sitzen. Und noch dazu bei Pokern”, sagte der Schäferhund in dessen Ton sich ein Teil Bewunderung aber auch Verachtung gemischt hatten.

Musko Grave nickte mit einem Ausdruck der bescheidenen Dankbarkeit und wartete darauf, dass er seinerseits den Einsatz bestätigen und mitgehen konnte.

Munga stieg nach dem Flop aus. Es hatte keinen Sinn, mit einer weniger als durchschnittlichen Hand zu spielen. Es war ein zu großes Risiko und er wollte in keinem Fall der zweite sein, der den Tisch verlassen müsste.

Schon die nächste Bietrunde zeigte, dass es eine richtige Entscheidung gewesen war, denn er merkte wie unkonzentriert er war und wie sehr er sich davon ablenken ließ, dass er mit einem alternden Rockstar an einem Tisch saß und Poker spielte.

Die Gespräche rund um den Tisch waren auf mehr oder weniger gehässige Kommentare, Witze und Oberflächliches zurückgefallen. Nachdem das Faultier den Tisch verlassen hatte, schien sich eine Gefühl der Gemeinschaft am Tisch zu etablieren.

Die Hände kamen und gingen, Munga spielte ein paar Mal mit und verlor dabei Chips – keine großen Mengen, aber genug, dass es auf Dauer für ihn gefährlich werden könnte, wenn er nicht Acht gab.

Mehr als einmal ertappte er sich dabei, wie er Musko Grave, den Löwen mit der prächtig-lässigen Auta, anstarrte.

Er spürte, wie ihn jemand in die Seite knuffte. Es war sein Sitznachbar, der Bär.

“Hör auf zu starren und steig aus. Du kannst das Blatt nicht gewinnen”, raunte er Munga zu.

Munga fiel aus seiner Trance. Wie lang hatte er den Löwen angestarrt, der ihm gegenüber saß und seinerseits Munga im Blick fixiert hatte.

Es war Munga unangenehm. Alle am Tisch beobachteten ihn und warteten darauf, dass er eine Entscheidung traf. Munga zögerte einen Moment, griff erst nach ein paar Chips, um den Einsatz mitzugehen, besann sich dann aber auf den Tipp des Bären. Er shcob seine Karten in die Mitte. “Ich bin raus”, sagte er mit einem leisen Seufzen und voller Erleichterung, als die Aufmerksamkeit seiner Mitspieler nicht mehr exklusiv auf ihm lag.

“Gute Entscheidung”, raunte wieder der Bär. Und er sollte recht behalten, denn die Hand ging an Musko Grave, der mit einem Full House einen der Schimpansen und auch den Dalmatiner vom Tisch verbannte.

“Danke”, erwiderte er leise an den Bären. Die Schimpansen stritten sich mit lautem Gezeter, bis sich der Verlierer endlich vom Tisch entfernte. Weitere Karten wurden ausgeteilt und das Turnier ging weiter.

Sie hatten schon weit über eine Stunde gespielt. Die Blinds waren teurer geworden und die Kräfteverhältnisse am Tisch verschoben sich immer mehr zugunsten der Spieler, die mit Glück und Strategie zu spielen wussten.

Munga spielte konzentriert und vorsichtig. Er beteiligte sich an dem freundlichen Smalltalk und den herausfordernden Kommentaren, ohne dabei übermütig zu werden. Es zahlte sich aus.

Als der Gong zur Pause geschlagen wurde, lag er hinter Musko Grave auf Platz zwei – wenn man die Verteilung der Chips am Tisch als Grundlage nahm. Sie waren nur noch zu viert: Munga, Grave, der Bär und die edle Stute. Alle anderen hatten ihre Chips verloren und den Tisch verlassen.

Munga streckte sich und blickte sich um.

Auch an den anderen Tischen hatten sich die Anzahl der Spielenden reduziert. Es gab viele freie Plätze. Er konnte sogar schon den ein oder anderen leeren Tisch entdecken. Wahrscheinlich hatte die Turnierleitung die Spieler schon umverteilt. So war es auch für den weiteren Verlauf vorgesehen. Nach der Pause würden ihnen neue Tische zugeteilt und die Chips umgerechnet.

Wie alle anderen brachte Munga seine Chips zur Tauschstelle der Turnierleitung und ließ sich einen Coupon aushändigen, mit dem er nach der Pause an seinem neuen Platz wieder am Turnier teilnehmen konnte.

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